Julie Otsuka – Wovon wir träumten

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©Randomhouse

Junge Japanerinnen im Land der begrenzten Möglichkeiten

Julie Otsukas Buch Wovon wir träumten ist kein Roman im klassischen Sinne. Statt einer stringenten Handlung finden wir vielmehr Beobachtungen über das Leben und Schicksal hunderter oder gar tausender japanischer Frauen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hilfe von Heiratsvermittlern in die USA reisten, um dort ein besseres Leben zu führen. Otsuka berichtet über Frauen, die in ihrer Heimat keine Zukunft für sich sahen. Über Frauen, die nicht länger wie Tiere auf den Feldern schuften wollten. Über Frauen, die von ihrer Familie verstoßen wurden und ein neues Zuhause suchen. Über Frauen, die hoffnungsvoll aufbrechen um dann maßlos enttäuscht zu werden.

Wir erfahren von Frauen, deren Männer nicht die sind, die sie von den Fotos kennen und auch keinen anständigen Beruf ausüben. Von Frauen, die wie Sklavinnen für die Amerikaner arbeiten, auf ihren Feldern arbeiten und ihre Häuser putzen. Von Frauen, die belogen werden. Betrogen. Ignoriert. Von Frauen, die ein Kind nach dem anderen bekommen. Von Frauen, die ein Kind nach dem anderen verlieren. Wir lernen Frauen kennen, die ihr Schicksal akzeptieren. Frauen, die die Hoffnung nicht aufgeben. Frauen, die gegen alle Widerstände kämpfen. Frauen, die wortlos alles hinnehmen. Frauen, die zurück in ihre Heimat wollen. Die ihr Leben beenden. Die trotz allen Umständen irgendwie glücklich sind.

All diese Schicksale gehen dem Leser nah, was unter anderem daran liegt, dass Otsuka aus der Wir-Perspektive schreibt. Obwohl wir keine konkreten Personen kennenlernen und keine direkten Protagonisten haben, ist gerade diese Verallgemeinerung erschreckend, da sie zeigt, dass es unzählige Frauen waren, denen es so erging. Die schlichte aber dennoch poetische Sprache der Autorin hilft dabei, trotz dieser Distanz Mitgefühl und Betroffenheit zu erwecken. Deprimierend ist das Buch jedoch nie, da auch einige Momente und Beschreibungen herzerwärmend oder zum Schmunzeln sind.

Wovon wir träumten beruht auf wahren Ereignissen. Es zeigt uns nicht nur die Unterdrückung der Frauen, sondern auch die Ausbeutung von Immigranten und die damals wie heute bestehende Kluft zwischen Kulturen, welche nicht immer leicht zu überwinden ist. Otsukas Roman befasst sich mit Immigration, funktionierender und fehlschlagender Integration, mit Abgrenzung, Ausgrenzung, Abschiebung, Staatswillkür und mit einer Gesellschaft, die die Augen verschließt.

Tausendundeine Stimme vereint

Julie Otsuka ist mit Wovon wir träumten ein spannendes und emotionales Porträt einer ganzen Generation gelungen. Durch die besondere Perspektive und die schöne Sprache ist es vor allem eines: anders. Und dabei absolut lesenswert.

4,5sterne

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