Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

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© Albrecht Knaus Verlag

Ein Roman von hoher Aktualität

In ihrem neuen Roman „GEHEN, GING, GEGANGEN“ beschäftigt sich die Autorin Jenny Erpenbeck mit einem aktuellen Thema: der Flüchtlingskrise und den Gründen, die Menschen dazu treiben ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um nach Europa zu gelangen. Dabei verbindet sie die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit den Erfahrungen des Hauptcharakters Richard, der aus der DDR stammt und sich im Verlauf der Handlung immer wieder an seine eigenen Erfahrungen erinnert, die er nach der Wende als ehemaliger Bürger des sozialistisches Staates gemacht hat. Richard ist ein emeritierter Professor für Philologie und gibt den Flüchtlingen Namen wie „Apoll“ oder „Tristan“, da ihre afrikanischen Namen mit ihrer fremden Aussprache zu schwierig für Richard sind.

Richard selbst beginnt sich für die Flüchtlinge im Hungerstreik zu interessieren, nachdem er bereits einmal in Gedanken an ihnen am Oranienplatz vorbeigelaufen ist, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Erst ein Bericht in der Zeitung lässt ihn aufhorchen und sich mit Stift und Zettel ausgerüstet zu den Flüchtlingen begeben, um ihre Geschichten zu erfahren. Je mehr Einsichten er in den trostlosen Alltag der Männer aus Afrika erhält, desto mehr beginnt Richard sich für sie einzusetzen, so gibt er ihnen Kleidung und Essen, lädt einen von ihnen zum Klavierspielen zu sich nach Hause ein oder begleitet sie bei Behördengängen. Abends beschäftigt er sich mit den komplizierten Paragraphen des Asylrechts, wobei er nach und nach die Fassung verliert. So erfährt er, „Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss.“ Gerade diese fast schon dokumentarisch anmutenden Passagen sind eine der Stärken des Romans. Es erscheint einfach verrückt, dass den Männern, die fast nichts mehr wollen als Arbeit, aufgrund von Paragraphen, die wie willkürlich gesetzt wirken, genau dieser Wunsch verwehrt bleibt, weil Deutschland nicht für sie zuständig sei. Diese Auflagen, ein schier undurchdringlich wirkender Wald aus Verordnungen und Auflagen, wird von Jenney Erpenbeck aufgedeckt und kritisch hinterfragt. Beim Lesen stellt sich die Frage, wie Menschen, die kaum oder eben gar nicht die deutsche Sprache beherrschen, da auch nur den Hauch einer Chance gegen dieses System haben sollen. Eindringlich wird der Roman dann, wenn den Geschichten der Flüchtlinge Raum gegeben wird. Diese berichten von ihren Erlebnissen während der Flucht und von dem Leben, das sie vorher hatten. Leider werden diese durchgehen von Richard kommentiert, der etwa an Iphigenie denken muss, die ja auch eine Immigrantin auf Tauris war. Ständig vergleicht er die Biographien, die ihm nach und nach enthüllt werden, mit seiner bürgerlichen Lebenswelt.

Die Autorin benutzt dabei einen einfachen Stil, der sich durch viele Wiederholungen auszeichnet. Sprachlich sind vor allem die Passagen gelungen, in den Dialogen zwischen Richard und den Flüchtlingen, in denen authentisch das Sprachlevel eines Sprachanfängers benutzt wird.

Ein wichtiges Thema, leider mit Schwächen umgesetzt

Mit ihrem Roman hat die Autorin ein sicherlich wichtiges Thema aufgegriffen mit einem tagesaktuellen Bezug. Doch gelingt es ihr dabei nicht, die richtige Balance zwischen den Gedanken des Hauptprotagonisten Richard und den erzählten Schicksalen der Geflüchteten zu finden. Letztlich ist es nur zu erahnen, was sie auf ihrer Flucht wirklich erlebt haben. Und so bleibt nach dem Lesen das Gefühl, dass die Autorin die Chance nicht nutzt, aus diesem wichtigen Thema mehr zu machen.

3,5sterne

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