Jaroslav Rudiš – Nationalstraße

042_87442_164389_xxl

©Random House Verlagsgruppe

 

Der Verlierer der Prager Revolution

Damals, im Jahr 1989, war es Vandam, der auf der Prager Nationalstraße die Samtene Revolution lostrat. Das war einmal. Jetzt spürt er kaum noch Auswirkungen des Umschwungs. Er lebt in einer Plattenbausiedlung, arbeitet als Dachlackierer, ist ein Ex-Junkie, ein Ex-Knacki und betrinkt sich jeden Abend mit seinen Kumpels in seiner Stammkneipe. Wenn er ein Problem mit jemandem hat – und das ist ziemlich häufig der Fall – dann löst er es mit den Fäusten. Bis er eines Nachts an den Falschen gerät und plötzlich um sein Leben bangen muss.

Du solltest gerüstet sein. Du solltest trainieren. Du solltest nicht auf andere hören. Hör immer nur auf dich selbst. Auf deinen Bauch. Nicht auf den Kopf. Bauch, hab ich gesagt.

Jaroslav Rudiŝ kurzer und knackiger (155 Seiten) Roman Nationalstraße ist ein einziger Monolog Vandams, der lediglich in einem Kapitel unterbrochen wird (welches auf Grund der veränderten Erzählperspektive etwas deplatziert scheint). Der Stil ist in vielen Kapiteln von Wiederholungen geprägt und sie bringen einen fast schon rhythmischen Fluss in die Geschichte. Diese erzählt er seinem 17-jährigem Sohn, den er nicht so oft sehen darf. Trotzdem möchte er ihm möglichst viel mit auf den Weg geben, damit er „gerüstet ist“, denn „Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen“. Vandam rüstet sich schon lange für den Krieg, der ihm vielleicht irgendwann einmal bevorstehen wird, allerdings noch lange nicht in Sicht ist. Aber man darf ja schon mal vorher paranoid werden. Seinen Namen trägt er, weil er genau so viele Liegestütze schafft wie Jean-Claude van Damme. Und weil er genau so zuschlägt. In Vandams Leben dreht sich alles nur um Alkohol, Gewalt, das Vorbereiten auf den Krieg, die Unzufriedenheit mit der Politik und die Angst vor der Fremde. Vandam ist kein sympathischer Mensch, trotzdem empfindet man ab einem gewissen Zeitpunkt Mitleid für ihn, vor allem, nachdem man mehr über seine traumatisierende Kindheit gelernt hat.

Ich bin kein Nazi.

Ich bin doch ein Römer. Ein Europäer. Das ist mein Glaubensbekenntnis. Ich glaube an Ideale. An Kultur. Marsch auf Rom! Wir alle sind doch Römer.

Vandam ist kein Nazi. Nein. Er hat auch nichts gegen Zigeuner, Deutsche, Ukrainer, Polen oder Österreicher. Er möchte nur nicht von ihnen belästigt werden. Er möchte bloß nicht ihre Gerichte im Hausflur riechen. Er hebt die Hand auch nicht zum Hitlergruß, nein, das ist der römische Gruß, denn er ist der allerletzte Römer, ein Europäer durch und durch. Diese Angst vor der Fremde, die Vandam hier verkörpert, ist in der tschechischen Gesellschaft heutzutage genau so präsent wie in der deutschen. Vandam ist ein Verlierer der Revolution, der Wende, ein Verlierer im Allgemeinen, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Er verfügt über Wissen, das ist allerdings hauptsächlich an Schlachten und Kriege der Vergangenheit gebunden. Abgesehen davon ist sein Horizont sehr beschränkt. Vandam sieht sich immer im Recht, Fehler machen doch nur die anderen. Genau das sagt Rudiŝ auch in seinem Nachwort: „Ich wollte ein Buch schreiben über unsere tschechische Angst. Über Vorurteile. Über Unsicherheit. Über Hass. Über Aggression. Über den verbreiteten Mythos, uns als die ewigen Opfer der Geschichte zu betrachten und davon überzeugt zu sein, dass wir niemandem etwas Böses angetan haben.“
Ein Schelm, wer gewisse aktuelle politische Bewegungen aus Deutschland darin wiedererkennt.

Erschreckend realistisch und aktuell

Jaroslav Rudiŝ hat mit Nationalstraße ein interessantes und erschreckendes Porträt eines Versagers am Rande der tschechischen Gesellschaft geschaffen, gleichzeitig aber auch ein Porträt des aktuellen Tschechiens, welches sich so radikal gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrt. Auch wir, die in Deutschland leben, können Parallelen herstellen, die zumindest teilweise das Wesen der Pegida-Anhänger und Co. erklären dürften.

 

4sterne

Advertisements

Ein Gedanke zu “Jaroslav Rudiš – Nationalstraße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s