Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren

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© Verlagsgruppe Random House

Während Preising schlief, ging England unter…

Auf einer Geschäftsreise wird der Schweizer Fabrikerbe Preising in Tunesien in einem Oasenresort zu einer Hochzeit von reichen, jungen Engländern aus der Londoner Finanzwelt eingeladen. Am Tag nach den Feierlichkeiten verkündet England den Staatsbankrott. Mit gesperrten Kreditkarten, völlig überschuldet und plötzlich ohne Job in der Wüste gestrandet, ist es nur noch ein kurzer Schritt zurück in die Barbarei…

Kann man so etwas Komplexes wie die Finanzkrise und deren Auswirkungen in einer Novelle darstellen? Nach dem Lesen der Novelle Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher muss ich ganz klar sagen: Ja. Erzählt wird die Geschichte von Preising, der sich in einer Psychiatrie befindet und seine Erlebnisse einem anderen Insassen berichtet. Preising selbst ist ein Firmenerbe, der durch die Erfindung eines Angestellten zu großem Reichtum gekommen ist, aber nur noch als Familiengesicht der Firma fungiert und wenn wichtige Entscheidungen anstehen in den Urlaub geschickt wird. Und obwohl ich beim Lesen immer wieder Mitleid mit ihm empfunden habe, müsste man ihn eigentlich ordentlich durchschütteln, damit er endlich einmal selbst handelt. Denn das ist etwas, das er überhaupt nicht kann. Er erscheint immer unbeteiligt und beobachtet nur, übernimmt aber keine Verantwortung. Dabei werden dem Leser seine Gedanken offenbar, die einen nur den Kopf schütteln lassen. Nach einem Busunglück überlegt Preising, ob er nicht mit seinem Geld einem Geschädigten helfen kann:

Würde ich diesen Mann mit meinem Geld nicht lähmen? Ihm die Möglichkeit rauben, sich selbst aus dem Elend zu befreien und mit breiter Brust, aus eigener Kraft sich eine Zukunft zu schaffen? […] Aber hätte dieser Mann überhaupt ein Bankkonto? […] Aber würde ich auf einem tunesischen Kamelmarkt mit Kreditkarte bezahlen können?

Und so geht es immer wieder und wieder. Preising überlegt und überlegt, aber er kann sich nicht entschließen zu Handeln. Ganz anders erscheinen die Teilnehmer der englischen Hochzeitgesellschaft, die eben durch ihr Handeln an den Finanzmärkten zu Wohlstand gekommen sind. Das Bild, das der Autor von ihnen zeigt ist wenig positiv. Ihr Verhalten gegenüber den Angestellten des Resort ist überheblich und ihr Leben dreht sich offensichtlich nur um Geld und Äußerlichkeiten, aus denen sie ihr Lebensglück ableiten:

Er habe, so fuhr Sanford fort, gestern mit Staunen einer langen Erzählung seiner Tischnachbarin, einer wohl kaum dreißigjährigen Wertpapierhändlerin, gelauscht, die ihm in epischer Breite den glücklichsten Tag ihres Lebens geschildert habe. Der im Wesentlichen darin bestanden hatte, (…) einen Sportwagen im Werk abzuholen, den sie sich dank einer, wie sie sich ausdrückte, annual perfomance mit entsprechenden Bonus leisten konnte, und mit diesem über die tempobefreiten deutschen Autobahnen Richtung England zu fahren.

Doch wie verhalten sich diese Menschen in der Finanzkrise, einer Situation in der sie nichts mehr haben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Lüscher im letzten Teil der Novelle. Die Darstellung der Ereignisse mag übertrieben sein, aber für mich dafür umso eindrucksvoller. Bereits vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems werden viele groteske Szenen beschrieben, so dass die Konsequenzen des Staatsbankrotts sich gut in die Novelle einfügen. Mit dem Verlust der Summen, mit denen sie täglich in London umgehen, verlieren sie gleichzeitig auch das Gefühl von Sicherheit und Autorität. Ohne das Geld als Machtmittel werfen sie gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen über Bord und kennen in ihrem Verhalten kaum noch Hemmungen. Mit seinen Beschreibungen zeichnet Lüscher das Bild einer Gesellschaft, in der Geld als wichtigstes Identifikationsmittel dient und des kapitalistischen Systems, welches Ungleichheit zwischen Individuen sowie abstruse Denk- und Verhaltensweisen hervorruft.

Der Stil, den der Autor wählt, zeichnet sich vor allem durch lange Sätze aus, in denen immer wieder etwas altertümlich anmutende Begriffe, wie etwas „Behufe“, eingestreut werden. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, passt die Art so zu schreiben doch gut zum Hauptcharakter Preising, der etwas altmodisch daherkommt. Typisch für eine Novelle bettet Lüscher die Binnenhandlung (Preisings Aufenthalt in Tunesien) in eine Rahmenhandlung (Spaziergang in der Psychiatrie) ein.

Von den Grenzen der Zivilisation

In seiner Novelle Frühling der Barbaren zeichnet Jonas Lüscher ein kritisches Bild der konsum- und geldorientierten Gesellschaft. Durch die teilweise groteske Beschreibung der Ereignisse und den Entwicklungen der Charaktere zwischen Dekadenz und purer Hilflosigkeit wird die Kritik sehr deutlich. So ist es ein Buch, das mit relevanten Themen punkten kann, aber teilweise in seiner Darstellung überzeichnet ist.

4sterne

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