Karen Duve – Macht

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© Verlag Galiani Berlin

Staatsfeminismus in Deutschland?

Deutschland im Jahr 2031. Dank des Staatsfeminismus wird Deutschland von Frauen regiert. Sebastian, der ebenso wie die meisten seiner Mitbürger dank einer Verjüngungspille auch im Rentenalter aussieht wie ein Zwanzigjähriger, trifft auf einem Klassentreffen seine Jugendliebe Elli wieder und schafft es endlich, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Alles könnte so schön, wenn er nicht im Keller seine Frau, die ehemalige Umweltministerin, seit zwei Jahren gefangen halten würde. Dort muss sie ihm in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Doch der neuen Liebe steht sie im Weg…

Im Jahr 2031 stehen Deutschland und die Welt vor dem Untergang: Der Klimawandel steht kurz vor seinem Höhepunkt und die Regierung kann mit den ausgegebenen CO2 Punkten den Schaden kaum verhindern. In ihrem dystopischen Roman Macht spricht die Autorin viele aktuelle Themen an. Sie übt deutliche Kritik an der Konsumgesellschaft und dem Schönheits- und Jugendwahn. Denn dank der Pille „Ephebo“ können Menschen wieder jung aussehen, dass dabei die Krebsrate um 60% gestiegen ist – geschenkt. Bei der Wortschöpfung von neuer Technik zeigt sich die Autorin nicht gerade von ihrer kreativen Seite. So wird ein Smartphone einfach zu einem Ego-Smart und auch sonst ist die technische Entwicklung von 2016 bis 2031 eher langsam vorangegangen. Daneben werden viele weitere gesellschaftliche Themen angesprochen: etwa die Auseinandersetzungen mit militanten religiösen Gruppierungen, der Kampf zwischen Vegetariern/Veganern und überzeugten Fleischessern ( so gibt es Zeitschriften mit den schönen Titeln: BEEF-EATER, STIRB-VEGANER-STIRB oder MASSIV METZGER) und heftige Probleme mit Flüchtlingen, die an den Grenzen versuchen, die dort errichteten Mauern gewaltsam zu überwinden.

Der Hauptcharakter Sebastian würde sich zudem am liebsten sämtlichen technischen Neuerungen verschließen und freut sich zu Beginn des Romans darüber, ein Telefon mit einer Wählscheibe gefunden zu haben. Außerdem versucht er, das elterliche Haus wieder in den Zustand der 60er Jahre zu versetzen. Sebastian ist in keiner Weise ein sympathischer Charakter, sondern ein Psychopath mit zwei Gesichtern. Während er sich in der Vergangenheit vehement für den Staatsfeminismus eingesetzt hat und immer noch in der Demokratiezentrale arbeitet, hält er im Keller seine Frau gefangen um an ihr seinen ganzen Frust abzulassen. Er sieht sich als Opfer der Frauen, vor allem seiner Frau, der er vorwirft, sein Leben ruiniert zu haben, indem sie immer über ihn bestimmte. Dabei bedient er sich häufig sozialdarwinistischen Formulierungen und glaubt insgeheim an das Recht des Stärkeren. Geschrieben aus der Perspektive von Sebastian erlebt der Leser, wie dieser äußerst brutal mit seiner gefangenen Frau umgeht und sie sowohl psychisch als auch physisch misshandelt. Er selbst hält sich für sehr freundlich und gibt ihr die Schuld an der Situation:

Ich weiß, das klingt jetzt alles ganz furchtbar, Kette und Halsband, da denkt man gleich an Inquisition oder SM-Studio, aber ich bin kein Perverser, bloß ein Mann mit seinen ganz normalen Bedürfnissen. Ich würde mit Freuden auf das mittelalterliche Kettengerassel verzichten, aber einer Frau wie Christine ist das nun mal nicht möglich. […] Es lässt sich also nachvollziehen, weswegen ich sie bei jedem Besuch zuerst an der Wand fixiere, nach Waffen abtaste und danach gründlich den Raum inspiziere, ob irgendwo ein Stuhlbein locker ist, ein Kabel aus der Wand schaut oder sonst eine Veränderung mein Misstrauen verdient.

Auch gegenüber den beiden gemeinsamen Kindern verhält sich Sebastian nicht freundlich. Obwohl er immer wieder in Gedanken seinen Eltern Vorwürfe macht, behandelt er seine eigenen Kinder schlecht, so lässt er sie etwa nicht bei sich wohnen (gut, er hat ja ihre Mutter im Keller gefangen) und schiebt sie zu seiner Schwiegermutter ab.

Der Anfang des Buches hat mir gut gefallen. Die Idee, aktuelle Themen wie die Erderwärmung oder die Flüchtlingsproblematik in das Jahr 2031zu projizieren, fand ich gut. Nach einiger Zeit des Lesens hatte ich aber das Gefühl, dass die Dystopie als Rahmenhandlung viel zu kurz kommt. Letztlich hatte ich nicht den Eindruck, wirklich viel über die Gesellschaft der Zukunft zu erfahren und die stattgefunden Veränderungen. Was vor allem daran liegt, dass ein Großteil der Handlung in Sebastians Haus, genauer seinem Keller, stattfindet. Und hier ist die Charakterzeichnung von Sebastian für mich nicht gut gelungen. Die Dialoge wiederholen sich inhaltlich und ich konnte die Motivation für sein Handeln nicht nachvollziehen. So findet bei ihm keine Entwicklung statt und er bleibt zu eindimensional. An vielen Stellen des Romans geht es um das Verhältnis von Mann und Frau, was mir aber zu plakativ und undifferenziert betrachtet wird. Letztlich hatte ich das Gefühl, dass die Autorin das Thema auf die einfache Formel Männer = böse, Frauen= gut herunterbricht. Die Frauen sind zwar an der Macht, aber eigentlich nur, weil die bösen Männer vorher alles verbockt haben und ihnen jetzt der Einsatz der Frauen teilweise zugutekommt. Nachdem aber klar ist, dass eigentlich nichts mehr zu retten ist, wollen die Männer zurück an die Macht und die Frauen erneut unterdrücken. Dass sich eigentlich alle männlichen Figuren noch ziemlich blöd anstellen, fällt auch auf.

Der Stil der Autorin lässt sich einfach und flüssig lesen, allerdings erscheint der Satzbau wenig abwechslungsreich. Grundsätzlich ist das beschriebene sehr direkt, häufig sarkastisch gefärbt und satirisch. Diese satirische Herangehensweise funktioniert vor allem bei den Beschreibungen rund um die Jugendpille „Ephebo“ hervorragend.

Und obwohl ich hier viel kritisiert habe, will ich nicht verschweigen, dass ich das Buch in kurzer Zeit gelesen und mich trotz allem gut unterhalten gefühlt habe, weil manche satirischen Beschreibungen wirklich auch witzig sind und Karen Duve bei manchen gesellschaftlichen Themen, gerade was ihre Kritik an Konsumverhalten und den Wunsch nach ewiger Jugend angeht, den richtigen Ton trifft.

Relevante Themen, schlecht umgesetzt

Nachdem ich Macht von Karen Duve beendet hatte, stellte sich mir die Frage, was die Autorin eigentlich schreiben wollte. Eine Dystopie, Satire oder einen Psychothriller? Sie spricht zwar viele interessante und wichtige Themen an, aber ich hatte selten das Gefühl, zum Kern des Romans vordringen zu können. Mir persönlich ist vieles zu plakativ, gerade was das Thema Männer und Frauen angeht. Wobei ich zugeben muss, dass der Roman durchaus unterhaltsam war.

3sterne

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1 Kommentar zu „Karen Duve – Macht“

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