Hanya Yanagihara – A Little Life

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©Doubleday Books

Das Leben in all seinen Facetten

Jude, Willem, Malcolm und JB sind seit dem College die besten Freunde. Die vier sind unzertrennlich, scheint es. Doch als sie älter werden, wird ihre Freundschaft oftmals auf die Probe gestellt. Jahr für Jahr vergeht, Partner und Jobs kommen und gehen, man streitet sich, verträgt sich. Jude wird Anwalt, Malcolm Architekt, JB Künstler, Willem Schauspieler. A Little Life begleitet die Männer über rund 30 Jahre hinweg. Im Zentrum des Romans steht ihre Freundschaft, besonders die von Jude und Willem, aber auch ihre Probleme, und vor allem Judes geheimnisvolle, dunkle Vergangenheit.

„Who are you?“
„I’m Willem Ragnarsson,“ he says. „And I will never let you go.“

Hanya Yanagiharas Roman (ihr zweiter, nach The People in the Trees) A Little Life ist schwierig zusammenzufassen, ohne zu viel vorwegzunehmen. Es ist das Porträt einer Freundschaft, das Porträt bedingungsloser Liebe, gleichzeitig ist es die Skizze eines unglaublich tragischen Lebens. Ein schönes Buch, wunderschön in einigen Momenten, aber auch schockierend und emotional sehr anstrengend. Wir lernen die vier Freunde kennen und begleiten sie durch ihr Leben, Jude und Willem irgendwann intensiver und detaillierter, Malcolm und JB anfangs und zwischendurch länger, dann rückt die Geschichte von Willem und Jude in den Vordergrund. Zentral geht es um Jude und seine Vergangenheit, die eben auch noch die Gegenwart extrem beeinflusst.

He was tired, he was so tired. It was taking so much energy to hold the beasts off. He sometimes had an image of himself surrendering to them, and they would cover him with their claws and beaks and talons and peck and pinch and pluck away at him until he was nothing, and he would let them.

Die Charaktere des Romans sind meiner Meinung nach exzellent gestaltet. Sie sind trotz all ihrer Fehler – und davon haben sie wirklich einige – wahnsinnig liebenswürdig. Besonders Jude, Willem, Harold und Andy sind totale Sympathieträger. Darum ist es sehr berührend und erschütternd, wenn in Rückblenden aus Judes Kindheit und Jugend berichtet wird. Auch die Art, wie er seine Vergangenheit bewältigt oder besser gesagt: nicht bewältigt, und wie seine Freunde davon beeinflusst werden, ist ergreifend geschildert. Mich haben viele Ereignisse sehr mitgenommen; ich hatte oft Tränen in den Augen und musste erst mal pausieren und das bisher Gelesene etwas sacken lassen.

But I know you blamed yourself. I blamed myself, too. Because I did something worse than accepting it: I tolerated it. I chose to forget he was doing this, because it was too difficult to find a solution, and because I wanted to enjoy the person he wanted us to see, even though I knew better.

Ich fand es herzerwärmend, wie sehr Willem und Harold Jude lieben. Selten (oder sogar nie?) habe ich mich so emotional mit fiktiven Charakteren verbunden gefühlt. Leider bin ich nicht sicher, ob Yanagihara sich nicht ein wenig hätte zügeln sollen. All das Leid, welches Jude widerfährt, ließ mich irgendwann emotional leicht abstumpfen. Ich war zwar immer noch schockiert, aber so berühren wie anfangs konnte es mich auf den letzten 200 Seiten nicht mehr. Eine Ausnahme bietet da allerdings das Ende.

Things get broken, and sometimes they get repaired, and in most cases, you realize that no matter what gets damaged, life rearranges itself to compensate for your loss, sometimes wonderfully.

Das Ende des Kapitels „The Happy Years“ – welche trotz krasser Rückblenden ausnahmsweise wirklich glücklich waren, zumindest vergleichsweise – hat mich doch sehr überrascht. Ich bin nicht sicher, ob dieser Hergang wirklich notwendig war, oder einfach zu viel des Guten (bzw. Schlechten). Glücklicherweise konnte mich das Ende des Romans dann doch zufriedenstellen, es war traurig, aber eigentlich genau das, was ich mir gewünscht hatte. Doch das Buch ist lange nicht beendet, wenn die letzte Seite gelesen ist. Es lässt einen mit so vielen Gefühlen und Gedanken zurück: über die Charaktere, was ihnen passiert ist, über Freundschaft, Liebe, Verantwortung, das Leben an sich.

He knew what the houses meant to Malcolm: they were an assertion of control, a reminder for all the uncertainties of his life, there was one thing that he could manipulate perfectly, that would always express what he was unable to in words. He was worried because to be alive was to worry. Life was scary; it was unknowable.

A Little Life zeigt uns, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Es ist tragisch, immer, ausnahmslos, und man kann nichts dagegen tun. Es ist nicht leicht und es wird uns enttäuschen, aber wenn wir Glück haben, werden wir einen Weg finden, auch mit den schrecklichen Dingen zurecht zu kommen. Es macht Hoffnung, denn zwischen all dem Leid gibt es diese schönen Momente, diese tiefe Freundschaft und die unbegreifliche Liebe. Wichtige Themen werden angesprochen: Gewalt und Misshandlung, Selbsthass, Depressionen. Wo endet Freundschaft und wo beginnt Verantwortung? Wie helfen wir Menschen, die wir lieben, die aber keine Hilfe annehmen wollen? Ist es besser, ein Leben voller Illusionen zu führen, als sich der komplizierten, unerträglichen Wirklichkeit zu stellen?

But being with you is like being in this fantastic landscape. You think it’s one thing, a forest, and then suddenly it changes, and it’s a meadow, or a jungle, or cliffs of ice. And they’re all beautiful, but they’re strange as well, and you don’t have a map, and you don’t understand how you got from one terrain to the next so abruptly, and you don’t know when the next transition will arrive, and you don’t have any of the equipment you need. And so you keep walking through, and trying to adjust as you go, but you don’t really know what you’re doing, and often you make mistakes, bad mistakes.

Die Schönheit der Tragik

Hanya Yanagiharas Roman A Little Life ist anstrengend. 700 Seiten voller Leid, Qual und Trauer nehmen einen emotional ziemlich mit. Es ist berührend und an vielen Stellen überwältigt einen die Liebe, die Menschen empfinden können. Ich war an ein oder zwei Stellen kurz davor, das Buch zu überdramatisch, zu überladen zu finden – es hat sich wirklich ganz knapp an der Grenze bewegt. Dennoch ist es ein wunderschöner Roman, mit Schicksalen, die mir so nah gingen wie nie zuvor in der Literatur. Er wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, allein schon, weil ich noch so vieles zu überdenken und verarbeiten habe.

Der Roman wird im Frühjahr 2017 beim Hanser Verlag erscheinen. Wer recht gute Englischkenntnisse besitzt und nicht mehr länger abwarten kann, kann sich aber auch an das Original heranwagen, besonders kompliziert ist es nicht.

 

Weitere begeisterte Rezensionen und Besprechungen findet ihr übrigens bei bookexperiences, leseschatz, letteratura, literatourismus, und der Klappentexterin.

 

5sterne

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3 Gedanken zu “Hanya Yanagihara – A Little Life

  1. Pingback: Jahresrückblick – Unsere Lesehighlights 2016 | letusreadsomebooks

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