Sylvain Neuvel – Giants. Sie sind erwacht.

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©Heyne Verlag

I, Robot?

Die kleine Rose fällt an ihrem Geburtstag in einen großen Krater, in welchem sich eine riesige Hand aus Metall befindet, die sonderbar blaues Licht ausstrahlt. Siebzehn Jahre später ist sie eine erfolgreiche Wissenschaftlerin und bekommt die Möglichkeit, mit einem kleinem Team dem Geheimnis aus ihrer Kindheit auf die Spur zu kommen. Sie findet heraus, dass noch weitere übergroße Körperteile auf der Welt verteilt sind. Doch wer hat sie gebaut und wann wurden sie vergraben? Ergeben sie – zusammengebaut – wirklich einen riesigen Roboter? Und wozu soll der gut sein?

Vorab muss ich sagen: Ich lese quasi nie Science-Fiction. Also wirklich nie. Das bedeutet, ich bin auf diesem Gebiet nicht gerade die kompetenteste Rezensentin und spreche nur als Genre-Laie.

Die Grundidee mit dem Mädchen, welches die riesige Hand entdeckt, hat sich für mich anfangs schon großartig angehört, es klang ein bisschen wie ein modernes Märchen oder ein Anime à la Chihiros Reise ins Zauberland. Im laufe des Buchs hatte ich dann allerdings immer mehr Angst, dass sich die Geschichte zu einem Transformers-Abklatsch entwickelt. Beides weit gefehlt.

Interessant ist, dass der ganze Roman keine zusammenhängende, „klassische“ Prosa ist, sondern vielmehr aus vielen Protokollen, Gesprächen und Tagebucheinträgen besteht. Zwischen den einzelnen Szenen können schon einmal mehrere Wochen oder gar Monate liegen, somit verschwendet Neuvel also keine unnötige Zeit mit Lücken füllenden Ereignissen, sondern konzentriert sich aufs Wesentliche. Durch diese Erzählform sind mir zwar die Charaktere nicht besonders ans Herz gewachsen, doch es blieb genug Raum, um ihr Innenleben zu veranschaulichen und ihre Handlungen nachvollziehbar rüberzubringen. Außerdem ist es so ein ganz anderes Leseerlebnis, das sich deutlich vom Einheitsbrei der Romane abhebt.

Wenn man Wissenschaftler ist, glaubt man, dass es gut ist, herauszufinden, wie die Welt funktioniert, dass es gut ist, herauszufinden, wie die Realität aussieht, dass es gut ist, der Menschheit die größtmögliche Macht zur Beherrschung der Welt zu geben, damit sie im Einklang mit ihrem Wissen und ihren Werten damit umgehen kann.

Die Charaktere sind divers gestaltet. Insgesamt arbeitet eine ziemlich bunte Truppe an dem Projekt. Auch wenn die meisten Figuren recht stereotypisch scheinen, gibt es die ein oder andere Überraschung. Dasselbe gilt auch für die Handlung. Immer wieder begann ich ein neues Kapitel und war verwundert, was denn nun schon wieder passiert war, in der Zeit zwischen den Aufzeichnungen. Angenehm überrascht war ich ebenfalls, dass es primär gar nicht so sehr um den Roboter oder seine Konstrukteure geht. Politische Intrigen, Korruption und wesentliche moralische sowie ethische Fragen stehen im Vordergrund; wichtige Fragen, denen sich die Menschheit immer wieder stellen muss: Wie viele Menschenleben ist uns der Fortschritt wert? 20? 200? 20.000? Was würden wir für die ultimative Entdeckung opfern; ich als Individuum und die Menschheit als Ganzes?

-Es war eine unmittelbare Bedrohung.
-Nordkorea hat Truppen zusammengezogen…in Nordkorea. Das ist ja unerhört.
-In unmittelbarer Nähe der Grenze!
-Nordkorea ist ungefähr so groß wie Ohio. Es ist geografisch schwierig, sich besonders weit von der Grenze zu entfernen.

Das Ende (der Epilog) ist noch einmal ein großer Wendepunkt und ein richtiger Cliffhanger. So wie ich Neuvel nach dieser Lektüre einschätzen kann, könnte es alles mögliche zu bedeuten haben. Auf alle Fälle möchte ich wahnsinnig gerne wissen, wie es weitergeht und was es mit dieser Szene auf sich hat.

-Wissen Sie, das mit dem Orden ist keine schlechte Idee.
-Das war sarkastisch gemeint. Sie können nicht…Egal. Geben Sie ihm einen Orden.

Gelungenes Debüt, das heraussticht

Sylvain Neuvels Debüt Giants. Sie sind erwacht ist ein interessanter Science-Fiction-Roman, der sich durch die Erzählweise von der Masse abhebt. Humorvoll, temporeich und immer spannend begleiten wir das verrückte Projekt über einige Jahre hinweg und kommen nicht drumherum, uns zu fragen, wann so etwas denn wirklich für uns möglich wäre – und welche verheerenden Folgen es für uns haben könnte.

 

4,5sterne

Band 2 erscheint im Frühjahr 2017 im Original und wird hoffentlich wieder genau so schnell ins Deutsche übersetzt. Sony hat sich übrigens schon kurz nach Erscheinen des Romans die Filmrechte gesichert – ich bin sehr gespannt!

Ein interessantes Interview mit Neuvel gibt es übrigens hier. Der Autor erklärt, wie er auf die Idee des Romans kam und wie absurd und verrückt die Veröffentlichung ablief.

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4 Kommentare zu „Sylvain Neuvel – Giants. Sie sind erwacht.“

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