Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

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©Aufbau Verlag
Der verrückte Professor

Ein alter Mann lebt zurückgezogen und von der Außenwelt fast komplett abgeschnitten in einem Gartenpavillon auf dem Anwesen seiner Schwägerin. Früher war er einmal ein angesehener Mathematikprofessor, bis ein Unfall seine Karriere zu einem abrupten Ende brachte: Der Professor erinnert sich noch an alles, was vor diesem Unfall vor 25 Jahren geschah. Seitdem lässt ihn jedoch sein Kurzzeitgedächtnis im Stich, nach genau 80 Minuten hat er wieder alles vergessen, was eben noch war. Seine neue Haushälterin hat anfangs Schwierigkeiten damit, das hatten sie alle, deshalb blieb keine lange bei ihm. Doch mit ihr ist es anders. Gemeinsam mit ihrem Sohn, den der Professor wegen seines flachen Kopfes liebevoll Root (Wurzelzeichen) nennt, gelingt es der Haushälterin, die harte Schale des alten Mannes zu knacken. Dessen Lieblingsthema – die Mathematik – verbindet die drei schnell und eine außergewöhnliche Freundschaft entwickelt sich.

Es war seine ausgetüftelte Methode, mit Menschen zu kommunizieren. Zahlen waren für ihn eine Geste, dem anderen die Hand zu reichen, und zugleich ein Mantel, der ihm Schutz bot. Ein Mantel so dick und schwer, dass er unantastbar blieb und niemand ihn bloßstellen konnte. So konnte er sich in seinen Kokon zurückziehen.

Ein verschrobener aber sehr liebenswürdige Professor, eine weniger gebildete Haushälterin, die durch ihn die Geheimnisse und die Schönheit der Mathematik kennenlernt, ein zehnjähriger Junge, der in ihm einen Großvater-Ersatz findet: Ogawas Charaktere sind liebevoll durchdacht und wahrscheinlich auch der Grund, warum man schon nach dem Lesen der Inhaltsangabe nicht drum herum kommt, das Buch mitzunehmen. Der Professor ist ein großartiger Protagonist, mit seiner Angst vor Menschenansammlungen und seinen hunderten Notizzetteln, welche an seinem Anzug befestigt sind, damit er all diese Dinge nicht vergisst. Man kann ihn sich richtig gut als Filmcharakter vorstellen, er materialisiert sich geradezu in seiner weisen aber gleichzeitig ergreifenden Erscheinung vor dem inneren Auge. Auch wenn ich zu der namenlosen Haushälterin nicht wirklich eine Verbindung herstellen und nicht mit ihr mitfühlen konnte, fand ich dafür die Freundschaft zwischen Root und dem Professor umso schöner und anrührender.

Mir war klar, dass er mich von einem Tag zum anderen wieder vergaß. Der Zettel mit meinem Porträt wies ihn allenfalls darauf hin, dass wir uns schon einmal begegnet waren. Die Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit konnte er allerdings nicht zurückholen.

Ich bin ehrlich gesagt nicht besonders interessiert an Mathematik, es war damals immer mit Abstand mein schlechtestes Schulfach. In den ersten Kapiteln fand ich es noch relativ einfach, den Erklärungen des Professors zu folgen, fand es sogar interessant, zu lernen, was befreundete Zahlen und Pseudo-Primzahlen sind. Nach einiger Zeit, besonders als es um die titelgebende Eulersche Formel ging, habe ich allerdings den Überblick verloren. Einige mathematische Aufgaben und Formeln weniger hätte der Roman sicherlich auch verkraftet. Ganz darauf verzichten können hätte Ogawa jedoch nicht: Die Mathematik besteht aus ewigen Wahrheiten, so zeitlos, dass sie die einzige Konstante im Leben des Professors sind, das Einzige, was ihn auch nach dem Unfall noch in seinen Bann zieht und das Einzige, das all das Vergessen überdauern konnte.

¨Die ewigen Wahrheiten bleiben unsichtbar, unabhängig von materiellen Dingen, Naturphänomenen oder menschlichen Gefühlen.¨

Es ist ein sehr stilles Buch in schlichter Sprache, das hauptsächlich im Pavillon des Professors spielt. Bis auf einen Friseurbesuch, einen Zahnarztbesuch, ein Baseballspiel und eine unnötig lang geschilderte Suche nach einem Geschenk passiert nicht besonders viel; meistens wird gekocht, geputzt und über Mathematik geredet. Ich muss zugeben, dass ich irgendwann leider ein wenig das Ende herbeigesehnt habe.

Ich glaube, dass dies ein wirklich zauberhaftes Buch sein kann, aber für mich hat es leider nicht funktioniert. Es war nett und unterhaltsam aber die Magie dieser ungewöhnlichen Freundschaft hat bei mir einfach nicht gewirkt, der Funke wollte nicht überspringen. Das Ende fand ich schon fast am gelungensten, die letzten 10 oder 15 Seiten waren noch einmal sehr schön und rührend. Sie haben das Buch insgesamt noch mal ein wenig aufgewertet und einige langweiligere Passagen wettgemacht.

Immun gegen den Zauber, der sich hier verbirgt

Yoko Ogawas Das Geheimnis der Eulerschen Formel hat mich ein klein wenig enttäuscht. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser kurze Roman seine Leser wirklich verzaubern kann – bei mir wollte das leider überhaupt nicht klappen. Dennoch ist es eine nette und teils ergreifende Geschichte mit einem absolut liebenswürdig verschrobenen Professor als Hauptcharakter.

 

3,5sterne

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