Steffen Kopetzky -Risiko

_20161112_180758

Moderner Abenteuerroman in der Tradition von Karl May?

Sebastian Stichnote arbeitet als Marinefunker auf einem Schiff des deutschen Kaiserreichs, als der erste Weltkrieg ausbricht. Aufgrund ihrer Unterlegenheit muss die deutsche Flotte vor der britischen Marine nach Konstantinopel fliehen. Dort wird ihm das Angebot unterbreitet, an einer Geheimexpedition teilzunehmen. Nach einem Plan von Felix von Oppenheim soll eine Gruppe von Konstantinopel nach Afghanistan reisen. Ihr Ziel ist es, den Emir im Namen des Islam davon zu überzeugen, Britisch-Indien anzugreifen.

Die historische „Niedermeyer-Hentig-Expedition“ dient als Grundlage des historischen Romans Risiko von Steffen Kopetzky. Oskar Niedermeyer, einer der Leiter der Expedition, hat seine Erlebnisse in dem 1925 erschienenen Buch Unter der Glutsonne Irans dokumentiert. Die Hauptfigur des Romans, Sebastian Stichnote, ist allerdings rein fiktiv. Zu Beginn der Handlung liegt er mit seinem Schiff, der SMS Breslau, im Hafen von Durazzo, wo er die Bekanntschaft mit dem Journalisten Adolph Zickler macht, der später ebenso an der Reise in das fremde Afghanistan teilnimmt. Bis die Expedition dann auch endlich startet, vergehen aber einige Seiten, denn diese bricht erst nach ungefähr 350 Seiten auf. Bis dahin erlebt der Leser den Ausbruch des ersten Weltkriegs aus verschiedenen Perspektiven, etwa aus der Sicht des Vaters von Albert Camus, bis die Breslau in der Hauptstadt des osmanischen Reiches Zuflucht sucht.

In den mehr als zwei Jahren, die man nun fast unverändert zusammen Dienst getan hatte, waren sie mit ihren Schiffen verwachsen, waren wie ein Gallert aus Pflicht und Leidenschaft in jede Ritze dieser schwimmenden Festungen aus Stahl und Holz eingedrungen, hatten dort geatmet, gegessen und dreckige Witze gerissen, und immer hatten sie daran gedacht, dass es sie nur gab, weil es den Feind gab. Wie liebten sie ihn, den Feind. Wie sehnten sie die Begegnung mit ihm herbei. Bald. Endlich Krieg.

Die Beschreibungen des Autors sind sehr detailverliebt und ich finde, dass der zweite Teil des Romans, welcher die Expedition umfasst, der bessere Abschnitt ist. Die Expedition ist dann ganz im Sinne eines klassischen Abenteuerromans: die Gruppe muss sich durch Wüsten und Gebirge kämpfen und wird begleitet von Durst und Krankheiten. Dazu kommen Überfälle von Räubern und Verfolgungen der feindlichen Mächte. Die Themen sind recht breit gefächert. Neben den großen Themen Krieg, Liebe und Tod geht es auch um Homosexualität, den Blick auf fremde Kulturen und den Islam. Die Figuren sind mir leider nicht wirklich ans Herz gewachsen, was auch daran liegt, dass manche von ihnen zu klischeehaft gestaltet sind, wie etwa die schöne Albanerin und einige von den orientalischen Personen.

Wie bereits gesagt, ist der Stil des Autors sehr ausführlich. Mir ist es stellenweise zu viel Hintergrundinformation, die letztlich nichts zur eigentlich Handlung beiträgt. Beispielsweise der Vertreter von Moody‘s Investors, der natürlich das neue Getränk Coca-Cola trinkt oder ein Fußballspiel zwischen Galatasaray und Fenerbahce Istanbul. Alles kleine Details die nett sein könnten, wenn sie nicht in einer solchen Fülle auftreten würden. Was ich gar nicht verstanden habe ist, warum Kopetzky den englischen Spion, welcher sich in die Expedition einschleicht, enttarnt bevor das ganze Unternehmen überhaupt gestartet ist. Für die Spannung der Handlung nicht gerade sinnvoll. Was dagegen gut gelungen ist, ist die Darstellung des ersten Weltkriegs aus einer anderen Perspektive. Während die Ereignisse auf dem europäischen Schauplatz nur kurz angeschnitten werden, rücken die geopolitischen Bedeutungen von anderen Regionen mehr in den Mittelpunkt des Geschehens. Vor allem der strategische Stellenwert von Britisch Indien für das britische Empire kommt gut zur Geltung. Gut gefallen hat mir ebenfalls, dass der Autor einige historische Persönlichkeiten wie Winston Churchill oder Karl Dönitz glaubhaft in die Handlung integriert.

Historischer Roman mit klaren Stärken und Schwächen

Risiko bietet mit der deutschen Afghanistan Expedition aus dem Jahr 1914 einen interessanten historischen Hintergrund, über den Fans des Genres vielleicht nicht alle Tage stolpern und der somit noch nicht abgedroschen wirkt. Mir war gerade die erste Hälfe des Romans doch zu detailverliebt, ohne dass die Schilderungen eine erkennbare tiefere Bedeutung hatten. Die eigentliche Expedition ist dann zum Glück spannend beschrieben, auch wenn der Autor einige Informationen zu früh verrät. Risiko schildert den ersten Weltkrieg an einem ungewöhnlichen Schauplatz und ist trotz mancher Schwächen lesenswert.

3,5sterne

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s