Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

 

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Das geheimnisvolle Buch

Daniel Sempere lebt in Barcelona. Als er zehn Jahre alt ist, nimmt ihn sein Vater mit an einen geheimen Ort, den Friedhof der vergessenen Bücher. Dort darf er sich ein Buch aussuchen und soll es für immer beherbergen. Für Daniel wird es „Der Schatten des Windes“. Er verschlingt es in kürzester Zeit und ist so fasziniert, dass er unbedingt mehr über den Autor Julián Carax herausfinden möchte, der niemals mit seinen Büchern erfolgreich wurde. Mit Hilfe seines Freundes Fermín Romero del Torres stellt er über Jahre hinweg weitere Nachforschungen an und begibt sich immer wieder in große Gefahr. Denn das Buch und sein Autor Carax scheinen Unglück mit sich zu bringen. Was ist damals geschehen, als der junge Mann seine Bücher schrieb? Wer war seine mysteriöse Liebe? Und wer ist der Mann mit dem vernarbten Gesicht, der Daniel verfolgt?

Ich habe Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes zum ersten Mal gelesen, als ich ungefähr 17 war. Damals hat das meine gesamten Lesegewohnheiten auf den Kopf gestellt, mich von Jugendbüchern und Thrillern weggeholt und mir die großartige, breitgefächerte Welt der Literatur eröffnet. Jetzt, fast zehn Jahre später, habe ich das Buch noch einmal gelesen und bin genau so verzückt wie einst.

Fast heimtückisch brach der Nachmittag in sich zusammen, mit einem kalten Wind und einem Purpurschleier, der in sämtliche Winkel der Straßen glitt.

Zafón hat einen wunderbaren Schreibstil, detailreich und atmosphärisch sehr dicht. Dadurch wird die Stadt Barcelona unheimlich greifbar, man kann sie förmlich spüren – und riechen – wenn man die Augen schließt. Zafón zu lesen fühlt sich für mich immer ein bisschen an, wie nach Hause zu kommen. In seiner Sprache fühle ich mich geborgen. Auf nahezu jeder Seite kann man Zafóns Liebe zu Barcelona und den Büchern erkennen, der Roman ist eine einzige große Hommage an die Stadt und an das Lesen.

Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glaubten, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wie viel wir lernen oder vergessen.

Der Roman verzaubert durch eine Vielzahl verschrobener Charaktere: der belesene und feinfühlige Fermín, der allerdings immerzu an Sex denkt; der von blindem Hass getriebene und von allen gefürchtete Inspektor Fumero; Daniel selbst, der sich Frauen gegenüber oft naiv und dümmlich verhält und dadurch ganz schön auf die Nase fliegt; und natürlich der mysteriöse Julián Carax, über den nach und nach immer mehr bekannt wird.

„Und bewahr dir deine Träume“, sagte Miquel. „Du kannst nie wissen, wann du sie brauchst.“

Verschiedene Personen helfen Daniel bei seinen Nachforschungen über Carax und stets werden neue Informationen aus verschiedenen Perspektiven gegeben. Es gibt einige überraschende Wendungen, die die Suche nach Carax und seiner Vergangenheit vorantreiben. So wird die Spannung das ganze Buch über aufrecht erhalten, besonders auf den letzten 250 Seiten fiel es mir schwer, es aus der Hand zu legen, da das Finale immer mehr zum Greifen nah schien. Die Geschichte und die Atmosphäre haben mich völlig in sich aufgesogen.

„Was hat er denn?“
„Ich könnte Ihnen sagen, es ist das Herz, aber was ihn umbringt, ist die Einsamkeit. Erinnerungen sind schlimmer als die Wunden des Krieges.“

Zafón hat meiner Meinung nach eine recht zeitlose Geschichte erschaffen, die genau so vor gut 50 Jahren hätte geschrieben werden können und ebenso Lesern in 50 Jahren noch Freude bereiten wird. Die zentralen Themen wie Freundschaft, Liebe, Verrat, Tod, Rache, Geheimnisse und Erinnerungen werden niemals uninteressant.

„Diese Stadt ist eine Hexe, wissen Sie, Daniel. Sie setzt sich einem auf der Haut fest und nimmt einem die Seele, ohne dass man es überhaupt merkt.“

Ein Muss für jeden Buchliebhaber

Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes ist pures Lesevergnügen, besonders an kalten, dunklen Herbst- und Wintertagen. Seine Sprache und Atmosphäre erwecken das Buch zum Leben und machen es düster, aber auch wunderschön. Es ist ein Roman, der nicht einfach zwischen all den Bücherstapeln in der Ecke verschwindet, sondern für immer im Gedächtnis bleibt – für mich vor allem als das Buch, das damals in mir erst so richtig die Leidenschaft für das Lesen entfacht hat und für immer meine Sehnsucht nach Barcelona wecken wird.

5sterne

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5 Kommentare zu „Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes“

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