John Wray – Das Geheimnis der verlorenen Zeit

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Die Bedeutung der Zeit

Gefangen in einer Blase aus angehaltener Zeit, befindet sich der junge Waldemar Tolliver in einem zugemüllten Apartment in New York am Central Park, wo er versucht seine Geschichte aufzuschreiben. Vielleicht hat er aber auch einfach nur zu viele Science-Fiction Romane gelesen. Er glaubt, dass wenn er seine knapp hundertjährige Familiengeschichte entschlüsselt und versteht, er wieder einen Weg zurück in die Welt findet…

(…)der Same von Waldemars Theorie der verlorenen Zeit – die Vorstellung, dass Chronologie eine Illusion, wenn nicht gar eine zweckgerichtete Lüge sei und der stetige Verlauf der Zeit in eine einzige Richtung, der wir zu folgen haben, in Wahrheit einem Wirrwarr sphärischer ‚Chronokosmen‘ entspreche, die sich in alle Richtungen durchreisen lassen, sofern das Bewusstsein nur dank einer entsprechenden Kraft aus dem vorherbestimmten Umlauf gestoßen wird – dieser Same also war stetig gewachsen (…)

Was ist Zeit? Wie lässt sich Zeit messen? Verläuft Zeit wirklich chronologisch? Alles Fragen, die in dem Roman Das Geheimnis der verlorenen Zeit des Autors John Wray eine zentrale Rolle spielen. Erzählt wird die Geschichte von Waldemar Tolliver, oder einfach nur Waldi, der nach und nach versucht, die Geheimnisse seiner Familie zu entschlüsseln. Er fängt in der k. u. k. Zeit in Wien an und geht bis in das moderne Manhattan und berichtet von drei Generationen von Tollivers, die alle mehr oder weniger skurrile Personen sind. Den Anfang macht Waldis Großvater, der glaubt, das Geheimnis der verlorenen Zeit entschlüsselt zu haben, aber nur wenige Minuten später überfahren wird. Danach machen sich seine Söhne daran, die Forschungen des Vaters zu entschlüsseln. Die Familie der Tollivers ist bevölkert von Visionären, Verbrechern und Wissenschaftlern, aber alle sind mehr oder weniger groteske Gestalten. Die einzige Ausnahme ist Waldis Großvater, der vor den Entwicklungen seiner Zeit die Augen verschließt. Seine Tanten Entian und Gentian sammeln in ihrem Appartement scheinbar unnütze Dinge und werden zu einer lokalen Attraktion, in deren Wohnung sich alle paar Wochen Persönlichkeiten wie Joan Didion treffen. Waldemars Vater schreibt Softporno- Science-Fiction Romane und wird ungewollt zum Begründer einer neuen großen Religion. Die Auszüge aus seinen Büchern sind großartig und voller Humor. Der geheimnisvollste Verwandte ist Waldis Großonkel und Namensvetter Waldemar, der während des zweiten Weltkriegs an der russischen Grenze geheime Menschenversuche durchführt. Aber auch die Nebencharaktere bleiben in Erinnerung, wie etwa Richard, der Sektenführer, der versucht durch vollkommene Langeweile ewiges Leben zu erlangen und Begründer der „autosuggestiven Psychostasis“ ist.

„Bald wird die Wahrheit für alle offensichtlich werden. Nichts bewegt sich auf gerader Linie voran, nicht einmal die Geschichte. Die Größten und Mächtigsten haben ihre Paläste auf einem Fundament aus Asche errichtet, und zu Asche werden ihre Reiche wieder zerfallen.“

Es fällt schwer diesen Roman zu beschreiben. Die Themenvielfalt ist riesig und das Buch eine Mischung aus spannender Unterhaltung, Geschichte, Zeitreise -Theorien, Physik und Philosophie. Beim Lesen stellt sich zudem immer wieder die Frage, ob Waldemar, der anscheinend auch unter starkem Liebeskummer leidet, überhauptvertrauenswürdig ist als Erzähler. Denn eigentlich schreibt er für Mrs. Haven, die verheiratet ist und die er auf einer Party unter dem Küchentresen kennengelernt hat. Schnell wird klar, dass der Name „Haven“ für die Tollivers eine besondere Bedeutung hat.

Zum Glück ist es nicht nötig, alle physikalischen Theorien zu kennen und richtig zu verstehen, um der Handlung und den Gedankengängen folgen zu können. Ein Grundinteresse an Fragestellungen, welche die Bedeutung der Zeit betreffen, sollte aber vorhanden sein. Daneben spielen Theorien von Darwin, Newton und Heisenberg eine Rolle.

Bei aller Theoriedichte und schweren Themen lässt sich der Roman aber dank des Stils des Autors sehr gut lesen und bietet ebenso Unterhaltung und Spannung. Die Sprache ist ausschweifend, abwechslungsreich und detailliert. Nebenbei treten bekannte Persönlichkeiten wie Wittgenstein auf und es werden die Stimmungslagen verschiedener Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beschrieben. Viele der Details entstammen nicht dem Einfallsreichtum des Autors, sondern es gibt sie wirklich, wie etwa ein Postkartenmotiv eines Mannes, der auf einer phallusartigen Gewürzgurke reitet. Zusätzlich gibt es lauter intertextuelle Bezüge, die der aufmerksame Leser entdecken kann.

Groteske literarische Reise durch das letzte Jahrhundert

Das Geheimnis der verlorenen Zeit ist ein dichtes Buch, mit vielen kleinen Details, die Seiten später plötzlich entscheidend sind. Dazu eine Familiengeschichte, in der es nur so von seltsamen Verwandten wimmelt. Wer nennt seine Zwillingstöchter bitteschön Entian und Gentian? Voller Humor, Wissenschaft und Geschichte, kurz gesagt ein spannender Roman, der mit seinem Sprachstil und skurrilen Charakteren noch lange in Erinnerung bleiben wird.

„Die Wissenschaft hat die Religion noch nicht bezwungen – jedenfalls nicht zur Gänze -, doch sollte ihr dies mit der Zeit gelingen. Eines Tages, vielleicht schon sehr bald, wird ein System entwickelt werden, ein System angewandter Philosophie (Philosophie im klassischen Sinne, also als ein leidenschaftliches Verlangen nach Wissen), das aus den Errungenschaften menschlichen Forschens jenes Elixier destilliert, welches die Religion so oft versprochen, aber nie geliefert hat. Mit anderen Worten: Wenn man den unbedingt ein vom Glauben bestimmtes Leben führen will, sollte es der Glaube an die Wissenschaft sein.“

Weitere Informationen zum Werk und Autor findet ihr hier auf der Seite des Rowohlt Verlags.

5sterne

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4 Kommentare zu „John Wray – Das Geheimnis der verlorenen Zeit“

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