Hubert Fichte – Die Palette

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© S. Fischer Verlag

In der Nähe des Gänsemarkts, an der ABC-Straße in Hamburg, führen vier Stufen hinab.

Jäcki braucht ungefähr drei Sekunden, um die vier Stufen zur Palette hinunterzugehen – daß er nach drei Jahren etwa sechstausend Sekunden vor der Palette verbracht haben wird.

Die Palette, ein verräuchertes Kellerlokal in Hamburg, wo die Aschenbecher nur auf den Fußboden entleert wurden. Die Palette, so lautet der Titel von Hubert Fichtes Roman aus dem Jahr 1968. Eine Kneipe, in der sich Gammler, Kleinkriminelle, Ausreißer, Arbeiter und Seeleute treffen. Drei Jahre lang hat Hubert Fichte die Palette täglich besucht, dabei gehörte er als werdender Schriftsteller vielleicht gar nicht zu den üblichen „Palettianern“. Mit seinem Roman hat er dem Lokal aber ein literarisches Denkmal gesetzt. Die Palette steht im Mittelpunkt. Die Palette wird verortet zwischen Casablanca, Athen und Formentera, wichtigen Orten der Beatkultur in den 60er Jahren. In der direkten örtlichen Umgebung der Palette finden sich völlig gegensätzliche Gebäude: Axel Springer, der botanische Garten und Brockstedts Galerie. Was die Palettianer vereint, ist die Ablehnung des Lebensstils im Deutschland der Nachkriegszeit. Jäckis Freunde haben seltsame Namen wie Blume zu Saaron, Do You know Basel oder der Transvestit mit der Glatze, den alle nur Cartacala nennen, aber eigentlich Otto Habermann heißt.

Die Themen sind weitgestreut. Eine politische Ebene, die danach fragt, was der Faschismus mit den Menschen gemacht hat und welche Rolle die Väter gespielt haben. Es geht aber auch viel um Kunst, Literatur und Musik, ebenso wie um Philosophen wie Wittgenstein, die französischen Existenzialisten wie Camus und Sartre. Ein besonders wichtiges Thema ist die Sexualität, denn die ist in der Palette alles andere als den gesellschaftlichen Normen entsprechend. Die Palettianer halten Privates nicht geheim, alles scheint öffentlich zu sein. Homosexualität ist kein Tabuthema – Fichtes Bekenntnis zur Bisexualität wird zum Politikum. Mit seinen Beschreibungen übt er deutliche Kritik an den heterosexuellen Normen und zeigt Prostitution als Teil einer gesellschaftlichen Sexualpraxis.

Jäcki, der nur schwer von Hubert Fichte selbst zu trennen ist, ist eine Art Sammler. In der Palette dokumentiert er Geschichten, Sprache und Biographien der anderen Gäste und wird so zu einem Archivar einer bestimmten Zeit in Hamburg, mit ihren eigenen sozialen und kulturellen Gegebenheiten. Dabei beschreibt Fichte das Milieu ohne es zu romantisieren, mit all seiner Kaputtheit und Ambivalenz.

Die Palette zu lesen war alles andere als einfach. Es gibt viel zu entdecken, häufig war es anstrengend, einiges ist verwirrend. Aber es war spannend, voller kleiner Geschichten und ein bisschen wie eine Entdeckungsreise in eine Welt, die so nicht mehr existiert.

Jäcki würde also rezensieren:

-Es erscheint gleichfalls unmöglich mit Hilfe einer Collage, unter Hinzuziehung aller Sub- oder Superliterarischen Zitate, die in der Palette fallen, die Palette selbst deutlich werden zu lassen. In Heidis Gedicht allein-

würde Jäcki in der Kritik fortfahren, die er nie schreiben wird

-scheint mir- entgegen der Absicht des Gedichts selbst-ein Ideogramm von der Palette vorzuliegen-und eben darum, denn gerade der Zwiespalt zwischen Absicht und Resultat verleihen dem Gedicht den entscheidenden Anlaß zu kritischen Reflexionen über die Palette selbst.

Wäre Jäckis Stil.

 

Hier ein Video, das eine Lesung von Hubert Fichte zeigt, bei der Personen aus der Palette selber anwesend waren.

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2 Gedanken zu “Hubert Fichte – Die Palette

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