David Mitchell – Slade House

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Ein Haus, das seine Gäste nicht mehr gehen lässt

In der Slade Alley, einer schmalen Gasse, die von einem unbedeutenden Pub ausgeht, befindet sich eine kleine schwarze Eisentür. Alle neun Jahre erscheint sie dort in der Mauer, um einen besonderen Menschen hineinzulassen: in das Slade House, ein riesiges Anwesen mit opulentem Garten, welches rein physikalisch gar nicht zwischen Slade Alley und die nächste Straße passen dürfte. Ein Teenager, ein Kommissar, eine Gruppe von Studenten, eine junge Journalistin und eine Psychiaterin verschwinden zwischen 1979 und heute. Sie alle werden freundlich im Slade House empfangen, müssen jedoch bald feststellen, dass sie es nie wieder heraus schaffen werden.

The wackometer needle is stuck on 11.

Vorab gilt zu sagen, dass David Mitchells Slade House an seinen vorigen Roman Die Knochenuhren anknüpft. Wer dies schon gelesen hat, wird zwar einiger Überraschungen beraubt, wird das Buch letzten Endes jedoch vermutlich besser verstehen.

We emerge from a shrubbery and stare up a long lawn at a nig old stone house. A Virginia creeper, dark crimson in the twilight, grows up one side. Faint stars shine through the gaps in the cloud but the sky’s still a little lighter and the air’s a little warmer than it was in the alley.

Wir haben es hier quasi mit fünf Kurzgeschichten zu tun, die ineinandergreifen und aufeinander aufbauen. (Ach was! Für den Mitchell-Fan etwas ganz Neues…) Der Kommissar möchte dem Verschwinden des Teenagers nachgehen, die Studenten stützen sich bei ihren Nachforschungen auf einen Bericht des Kommissars und manch anderer hat noch mehr Einfluss auf die anderen Handlungsstränge. Während die ersten Geschichten noch recht handlungslastig sind und sich sehr auf das Verschwinden der Person an sich konzentrieren, erzählt die vorletzte Geschichte die Hintergründe des Anwesens und seiner Bewohner. Hier drosselt Mitchell zwar durch einen endlos langen Dialog enorm das Tempo, doch die Informationen sind spannend genug, dass es dem Roman keinen Abbruch tut.

…a starless, bodiless, painless, timeless blackness. I don’t know how long I’ve been here. Minutes, years, I just don’t know. I passed through a phase when I thought I must be dead, but my mind’s alive, even if I can’t tell if I’m in my body or not. I prayed to God for help, or just for a light, apologising for not believing in him and trying hard not to think about what a sociopathic bigot He is in the Old Testament and the Book of Revelation, but no reply came.

Slade House ist ein kurzer Roman (233 Seiten), der sehr mit dem Mysteriösen spielt, sich sogar schon an der Schwelle zur Fantasy bewegt – ähnlich wie auch schon Die Knochenuhren. Er ist sehr atmosphärisch, düster und beklemmend, allein schon durch das Motiv des großen geheimnisvollen Hauses, in dem seltsame Dinge geschehen. Es ist angelehnt an die klassische Spukgeschichte im Stile Edgar Allan Poes, geht jedoch weit darüber hinaus.

Der ein oder andere Charakter aus älteren Werken Mitchells taucht natürlich auch wieder auf, manch einer am Rande in einer Erwähnung, manch einer vielleicht in einer größeren Rolle.

Mitchell hat diesen Roman so konstruiert, dass theoretisch noch ein weiterer zwischen Slade House (die letzte Geschichte spielt im Jahr 2015) und Die Knochenuhren (die thematisch am stärksten verknüpfte Geschichte beginnt 2025) passen würde. Lassen wir uns also überraschen, ob da eventuell in den nächsten Jahren noch etwas folgt.

Düsterer, rasanter Trip, der an die Knochenuhren anknüpft

David Mitchells Slade House ist natürlich eine ganz andere Nummer als Der Wolkenatlas, Chaos oder Die Knochenuhren, doch es ist trotz seiner Kürze fesselnd und stimmungsvoll. Wer Die Knochenuhren schon gelesen hat, wird es besonders interessant finden, einen ganz anderen Blick auf die Geschichte zu erhalten.

4,5sterne

Noch ist keine deutsche Übersetzung von Slade House angekündigt, die dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen, da das gebundene Original vor fast einem Jahr erschien.

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4 Kommentare zu „David Mitchell – Slade House“

    1. Zumindest bevor du Slade House liest, mMn. Dann ist man schon etwas über die Hintergründe informiert und kann sich aber trotzdem noch überraschen lassen. Man denkt vielleicht, man weiß, wie der Hase läuft, aber nein. Außerdem sind beide Bücher wirklich super und lesenswert. 🙂

      Gefällt 1 Person

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