Julian Barnes – Lebensstufen

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Kurzgeschichten des Man Booker Prize Gewinners

Lebensstufen des britischen Autors Julian Barnes beinhaltet drei Geschichten. Die erste handelt von Nadar, einem Vorreiter der Ballonfahrt und einem der ersten Fotografen, dem es gelang, Luftaufnahmen zu machen. Als nächstes steht Colonel Fred Burnaby im Mittelpunkt. Ebenso wie Nadar begeistert er sich für die Ballonfahrt. Doch noch viel mehr bewundert er die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt. Die letzte und dritte Geschichte ist die persönlichste. Hier erzählt Julian Barnes von seiner eigenen Trauer über den Tod und Verlust seiner Frau.

Bis hierhin hatte ich von Julian Barnes nur seinen Roman Vom Ende einer Geschichte gelesen, wofür er den Man Booker Prize erhalten hat und welcher mir sehr gut gefallen hatte. Somit war meine Erwartungshaltung an die Kurzgeschichten in Lebensstufen hoch. Gerade die ersten beiden Geschichten konnten diese Erwartungen nicht erfüllen. In den ersten Teilen versucht der Autor, die Anfänge der Fotografie sowie der Ballonfahrt mit den Themen Liebe und Trauer zu verbinden. Auf mich wirken die vom Autor dargestellten Bezüge zu konstruiert und letztlich hätte mir auch nichts gefehlt, wenn das Buch nur die letzte Geschichte beinhaltet hätte. So dümpeln die Erzählungen vor sich hin und nur an wenigen Stellen kommt das Können des Autors wirklich zum Vorschein. Vor allem sein ironischer Erzählton kommt zu selten zur Geltung.

Wir leben auf breiten Stufen, auf ebenen Bahnen, und doch – und deshalb – streben wir in die Höhe. Wir sind Erdenwesen und können doch manchmal zu den Göttern hinaufreichen. Die einen schwingen sich mit der Kunst empor, die anderen mit der Religion; die meisten mit der Liebe. Eine weiche Landung ist selten.

Mit einem erzählerischen Bruch beginnt Barnes den dritten Teil: Der Verlust der Tiefe. Er erzählt aus seiner eigenen Ich-Perspektive vom Tod seiner langjährigen Frau und dem tiefen Schmerz ihres Verlustes. Immer wieder baut er Metaphern aus den vorigen Geschichten ein. Für mich ist diese letzte autobiographische Geschichte eindeutig die stärkste und sie entschädigt für das vorrangegangene. Offen zeigt Barnes seine Gefühle und die Gedanken, die ihn seit ihrem Tod begleiten. Wie gehen wir mit Liebe, Leid, Schmerz und Trauer um? Das sind seine zentralen Fragen. Mit dem Tod seiner Frau verliert Barnes selbst an Sicherheit, denkt auch an Selbstmord. Doch wer ist dann noch da, um seiner Frau zu gedenken wenn der „Haupterinnerer“ nicht mehr da ist? Mit seinem Tod würde seine Frau ein weiteres Mal sterben.

Wir können schlecht mit dem Tod umgehen, diesem banalen, einzigartigen Ereignis; wir können ihn nicht mehr als ein Teil eines übergeordneten Musters begreifen. Und um mit E. M. Forster zu sprechen: „ Ein Tod mag sich selbst erklären, aber er wirft kein Licht auf einen anderen“. So wird auch das Leid unvorstellbar: nicht nur seine Länge und Tiefe, sondern auch sein Ton und seine Beschaffenheit, seine Täuschungen und trügerischen Hoffnungsschimmer, seine Neigung zu Rückfällen.

Der letzte Teil ist geprägt von Schock und Trauer. Der Autor schreckt auch nicht davor zurück, offen zu zeigen, wie er über alte Freunde und deren Verhalten verärgert ist. Er kann nicht verstehen, wie draußen scheinbar alles seinen gewohnten Gang geht, wo doch der wichtigste Mensch in seinem Leben ihn verlassen hat und ihn scheinbar ohne Orientierung zurückgelassen hat. Barnes Ideen, wie er seine Zeit füllen will, sind sehr unterschiedlich. Er versucht sämtliche Fußballspiele zu gucken, vor allem die unwichtigen und langweiligen. Doch nach einiger Zeit entdeckt er die Oper für sich, die ihm dabei hilft, den Verlust zu verarbeiten.

Wenn ich vom Krankenhaus zurückfuhr, kam mir an einer bestimmten Stelle, kurz vor der Eisenbahnbrücke, ein Satz in den Sinn, den ich dann laut vor mir hersagte: „ Da macht einfach das Universum seine Arbeit.“ Das war „alles“; mehr war „es“ – dieses ungeheure, kolossale „es“ – nicht. Der Satz spendete keinerlei Trost; vielleicht war er ein Mittel, um sich gegen andere, falsche Tröstungen zu wehren. Aber wenn das Universum einfach nur seine Arbeit machte, konnte es seine Arbeit auch an sich selber machen und zum Teufel gehen.

Mit seiner klaren Sprache gelingt es dem Autor, den Leser an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen, ohne das es gekünstelt oder gestellt wirkt, sondern authentisch.

Nach dem Lesen des dritten Essays wurden mir die Verbindungen zu den vorigen klarer. Vordergründig mag es nur um Ballonfahrt und Fotografie gehen, doch Barnes nutzt die hier aufgebauten Metaphern und überträgt sie auf die Liebe zwischen zwei Menschen. Das Gelingen der Liebe lässt Menschen wie einen Ballon in Sphären aufsteigen, wohingegen das Misslingen zu ihrem Verbrennen führt, wie denjenigen, der versuchte, Wasserstoff- und Heißluftballon zu kombinieren. Trotzdem glaube ich, dass für mich das Buch besser funktioniert hätte, wenn Barnes nur den letzten Teil geschrieben hätte. Die Verbindungen kann ich zwar erkennen, aber auf mich machen sie einen zu konstruierten Eindruck.

Geschichten von unterschiedlicher Qualität

Müsste ich nur das letzte Essay bewerten, würde ich das Buch ohne zu Zögern weiterempfehlen. Doch leider hat Lebensstufen noch zwei andere Teile, aus denen der Autor Metaphern zieht, um seinen Verlust und seine Trauer in Worte zu fassen. Mir erscheinen sie aber unnötig und ihrer Beziehung zum letzten Teil nicht wirklich passend. Daher konnte Julian Barnes meine (hohen) Erwartungen nach seinem letzten Roman nicht voll erfüllen.

3sterne

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4 Gedanken zu “Julian Barnes – Lebensstufen

  1. Danke für deine Zeilen / machen sie mich doch gerade sehr neugierig & ich werde mich in die Lebensstufen vertiefen. Ich mag ja seine präzise Beobachtungsgabe und seine klaren Beschreibungen. Er vermag es die menschlichen Befindlichkeiten in eine mehr als gute Form zu bringen. Und wie bei uns allen / nicht jede Geschichte muss ein Treffer sein.

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