Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

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Kampf ums Überleben

Fünf Freunde, die sich schon aus der Schulzeit kennen, verbringen ihren jährlichen gemeinsamen Kurzurlaub wie gewohnt in einer einsamen Hütte in den Bergen. Doch als sie ihre Sache zusammenpacken und zurück nach Hause fahren wollen, sehen sie, dass das ganze Dorf am Fuß des Berges niedergebrannt ist. Sie machen sich auf den Weg dorthin und stellen mit Erschrecken fest, dass fast nirgendwo noch Leben existiert – und müssen fortan darum kämpfen, selbst noch am Leben zu bleiben.

Eine Postapokalypse, die in an der deutsch-österreichischen Grenze spielt? Klingt erst einmal nicht sonderlich aufregend, muss ich zugeben. Dennoch haben für mich allein der Buchtitel und der Klappentext gereicht, dass ich unbedingt Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen lesen wollte. Obwohl der Roman mit 173 Seiten unheimlich kurz ist und die behandelte Thematik schon tausende Male durchgekaut wurde, sticht er für mich dennoch heraus. Schon nach den ersten Sätzen war ich gefesselt von Helles Schreibstil, der einen ganz eigenen Rhythmus und Sog entwickelt.

Wir gehen auf Laub. Wir gehen auf kleinen Steinen. Wir gehen auf blankem Teer, auf Scherben, Gummifetzen, Blech, Leder, Stoff, Plastik. Wir gehen auf Öl. Wir gehen auf Wasser. Wie Teer steht es auf dem Teer in der tiefhängenden Sonne. Wir sind fünf verschiedene Körper, mit verschiedenen Beinen, Armen, Gehirnen, aber die gemeinsame Fortbewegung auf dieser Straße, dieser Wiese, diesem von Wurzeln durchzogenen Waldboden verbindet uns, es ist eine stabile physikalische Verbindung, wir sind aneinandergeschweißt wie die Elektronen eines Atoms durch Spin und Gravitation, wir gehen alle in eine Richtung.

Man fühlt sich, als lese man ein Gedicht, einen Song, oder Beschwörungsformeln, man spürt irgendwo eine Trommel, die im Takt schlägt. Und obwohl alles um die Protagonisten herum tot ist, ist die Sprache unglaublich lebendig und poetisch.

Sie sitzen im Straßengraben, lehnen an der Böschung, von der Straße aus sieht man nur bunte Mützen, aber an der Wölbung erkennt man, dass unter der Wolle noch Köpfe stecken, festgefroren in ihren Träumen.

Im Angesichts des Todes verlieren die fünf Männer ihre Menschlichkeit – Brutalität, Vergewaltigung, Mord. Alles die ewigen postapokalyptischen Geschehnisse, inhaltlich überhaupt nichts Neues. Doch die Art, wie Helle stilistisch da herangeht, ist herausragend. Er schafft es, mit seiner Sprache den schrecklichsten Momenten eine beeindruckende Schönheit einzuhauchen.

[…]wenn man nichts zu tun hat, außer ganz genauso weiterzumachen wie bisher, das Licht, in dem die Zivilisationen errichtet werden und eingerissen, eigentlich müssten wir tanzen, aber die Euphorie ist wie so oft nur im Kopf, nur ein Wort.

Viel erfahren wir nicht über die Katastrophe, die hereinbrach, als die Männer sich in der Berghütte befanden. Ist nur die Bergregion betroffen oder die ganze Welt? Sind alle Menschenleben auf der Stelle ausgelöscht worden oder haben sie noch tagelang ums Überleben gekämpft? Sind sie irgendwohin geflohen? Und warum sind die fünf Männer verschont geblieben?

Meiner Meinung nach war es der beste Weg, diese Fragen offen zu lassen. Es hätte doch wesentlich mehr Seiten gebraucht, um eine vernünftige Hintergrundstory drumherum zu spinnen, und dann auch noch eine, die innovativ und logisch genug ist, um die Leser zu begeistern. So kann sich Helle ganz auf die Protagonisten fokussieren, darauf, wer sie waren, wer sie sind oder besser gesagt, nicht mehr sind, wie sie eins werden und ihre Individualität verlieren, wie sie anfangen, über das Leben und die Welt zu philosophieren. An sich geschieht relativ wenig, gerade für einen postapokalyptischen Roman. Aber genau dadurch hebt sich das Buch auch so von anderen seines Genres ab.

Und dann. Das wiederholte Wieder-einmal, das uralte Auf-ein-Neues, das Öffnen der Augen, das Einsaugen der Luft, das partielle Feuern der allernötigsten und vorerst einzigen verfügbaren Hirnareale, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Spezies, die dazu verdammt ist, zu glauben, dass die Zugehörigkeit zu dieser Spezies etwas Besonderes aus ihr macht, die Pflicht, aufzustehen, das Weiterleben-Müssen, Weiterleben-Wollen, Weiterleben-Wollen-Müssen, die Angst vor dem eines Tages nicht mehr Weiterleben-Können, der erste Schritt, die Macht der Schwerkraft, das Ausstoßen der verbrauchten Luft, das nutzlose Wissen vom eigenen Vorhandensein wie Watte über der Welt.

Es gibt keinen Protagonisten, der sympathisch ist. Alle fünf handeln unmoralisch und zwar direkt von Anfang an. In ihren Aussagen und ihren Handlungen spiegelt sich ihre Verzweiflung wieder, die diese Extremsituation in ihnen verursacht. Sie alle wurden aus einem beschaulichen Leben in der oberen Mittelschicht herausgerissen und sind nun völlig überfordert. Logisch durchdacht ist ihr Handeln nicht, aber ich glaube, Helle möchte es bewusst überspitzt darstellen, um seinen Lesern zu zeigen, wie sehr wir mitteleuropäischen, in Freiheit und Sicherheit lebenden Menschen eigentlich in Watte verpackt sind. Von der ehemaligen Dekadenz bleibt nicht viel übrig, nur leere Köpfe und vorherrschende Triebe.

Poetische Postapokalypse

Heinz Helles postapokalyptischer Roman Eigentlich müssten wir tanzen besticht nicht nur mit wunderschönem Titel, sondern überzeugt anschließend auch noch mit detailverliebter Sprache, in welcher ein wahnsinnig starker Rhythmus mitschwingt. Ursachen und Hintergründe zur Katastrophe gibt der Autor nicht, stattdessen konzentriert er sich auf die Abgründe seiner Protagonisten. Sprachlich war dies für mich eine totale Überraschung und eines der Highlights der letzten Monate. Wer sich einmal ein völlig anderes postapokalyptisches Erlebnis wünscht, sollte es unbedingt mit Heinz Helle versuchen.

5sterne

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2 Kommentare zu „Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen“

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