Christoph Ransmayr – Cox oder der Lauf der Zeit

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Ein englischer Uhrenmacher als Gast des chinesischen Kaisers

Auf Einladung des chinesischen Kaisers begibt sich der Uhrenmacher Alister Cox nach China. Dort soll er in der verbotenen Stadt Uhren nach den Vorstellungen des gottgleichen Herrschers bauen. Doch die Wünsche des Kaisers sind ausgefallen. So soll Cox Uhren konstruieren, die das Verfliegen des menschlichen Lebens anzeigen – von den Tagen eines Kindes bis zu denen eines zum Tode Verurteilten. Nach einiger Zeit fordert der Kaiser eine Uhr, die die Ewigkeit messen soll.

Mit seinem neuen Roman Cox oder der Lauf der Zeit entführt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr den Leser nach China im 18. Jahrhundert. Nach einer langen Schiffsreise erreichen Cox und seine Gefährten endlich ihr Ziel, das fremde Reich auf der anderen Seite der Welt. Während ihrer Ankunft beobachten die Engländer, wie Verurteilte Steuerbeamten für ihr Vergehen die Nase abgeschnitten wird. Ihr Richter, der Kaiser ist bei dieser Bestrafung selbst nicht anwesend. Die Figur des Kaisers bleibt bis auf wenige Ausnahmen eher im Hintergrund. Zudem erscheint er ambivalent. Auf der einen Seite ein Despot, der seine Untergebenen hart bestraft und auf der anderen Seite als Künstler, der jeden Morgen ein Gedicht schreibt.

In der verbotenen Stadt, sagte Kiang, in der Stadt des Erhabenen, dürfe nur das zu sehen sein, ja nur das sichtbar werden, was die Gesetze des Hofes den Augen gnädig überließen. Aber alles Unerwartete, alles Unvorhergesehene müsse den Blicken eines Unbeteiligten, schon gar denen eines Fremden, so lange entzogen bleiben, bis ihm die Sichtbarkeit von den entsprechenden Räten nach dem Willen des Allerhöchsten zugesprochen werde.

Das Leben in der verbotenen Stadt erscheint ebenfalls zwiespältig. Zwar bekommen die Europäer alle Materialien um die ungewöhnlichen Wünsche des Kaisers zu erfüllen, aber gleichzeitig ist der Alltag bestimmt von festen Ritualen, Verhaltensweisen und Traditionen, die dazu dienen, den gottgleichen Kaiser zu ehren. Der kleinste Fehltritt oder ein falscher Blick, kann eine Blendung nach sich ziehen. Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, dass der Kaiser selbst ein Gefangener in seiner eigenen Stadt ist, der eigentlich keine Vorstellung davon hat, wie das Leben außerhalb der Mauern aussieht und letztlich selbst in einem goldenen Käfig sitzt. Für sein Volk und den größten Teil seiner Untergebenen bleibt er gesichts- und alterslos. Ebenso interessant wie der Kaiser ist der englische Uhrenmacher Cox. Selbst ein gebrochener Mann, der den Tod seiner Tochter nicht verarbeiten kann und dessen Ehe zu einer jüngeren Frau völlig ist, wofür Cox maßgeblich verantwortlich ist. Besessen von Automaten muss er erkennen, dass das Leben sich nicht berechnen lässt und keiner Automatik folgt.

Denn anders als die Geburt eines Menschen war die Verwirklichung einer mechanischen Idee in ihrer gesamten Vielfalt begreifbar, kontrollierbar und kein Rätsel, kein Wunder wie ein Kind, das in Wahrheit doch bereits mit seinem ersten Atemzug wieder zu sterben begann.

Das Grundmotiv des Werkes ist die Zeit und ihr Vergehen. Doch vergeht Zeit immer gleich? So soll Cox eine Uhr konstruieren, die das Zeitgefühl eines Kindes messen kann. Ganz anders mag die Zeit vergehen für einen zum Tode Verurteilten, der nur noch auf seine Hinrichtung wartet. Cox Meisterstück soll schließlich eine Uhr sein, welche die Ewigkeit messen kann. Doch damit wird gleichzeitig die Endlichkeit greifbar, eine Beleidigung für den Kaiser, der gleichzeitig Herr über die Zeit ist und über ihr steht.

Die Sprache von Ransmayr ist sehr poetisch und bildhaft. Manch einem mögen es zu viele Adjektive und Beschreibungen sein. Mich persönlich hat eher gestört, dass vieles neutral geschildert wird und ich beim Lesen zwar Ransmayrs Umgang mit Sprache bewundert habe, mir das Beschriebene aber fremd geblieben ist, obwohl ich das Erzählte interessant fand.

In der letzten Ausgabe der Sendung Das literarische Quartett wurde der Roman besprochen, allerdings mit negativer Tendenz. Für Denis Scheck ist Cox dagegen der Roman des Jahres. In seiner Sendung Druckfrisch wurde das Buch ebenfalls vorgestellt.

Poetische Reise ins Reich der Mitte

Cox oder der Lauf der Zeit hat mir gut gefallen. Vor allem Cox ist ein spannender Charakter, ebenso wie der Kaiser, der eher im Hintergrund bleibt. Daneben sind die geäußerten Gedanken zum Thema Zeit interessant und laden zum Nachdenken ein. Ebenso überzeugend wie das Thema, ist der poetische Stil. Für mich war es keine Adjektiv-Flut, sondern schöne Bilder, gerade was die Landschaftsbeschreibungen betrifft. Manchmal hätte ich mir allerdings gewünscht, dass nicht alles so distanziert geschildert wird.

4,5sterne

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2 Kommentare zu „Christoph Ransmayr – Cox oder der Lauf der Zeit“

  1. Wie du schon sagst, wird der Roman äußerst kontrovers diskutiert.Von „Meisterwerk“ bis „komplett misslungen“ ist da alles dabei. Ich bin noch sehr hin- und hergerissen, ob ich ihn lesen soll. Jetzt tendiert die Waage eher wieder zu „Lesen“. 🙂

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    1. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich vorher von Ransmayr kein Roman gelesen habe, weshalb mir da der Vergleich fehlt. In negativen Rezensionen wurde häufiger bemerkt, dass er nicht mehr an seine älteren Werke heranreicht. Interessant finde ich, dass er angeblich den Erscheinungstermin extra so spät im Jahr gelegt hat, um nicht für den Buchpreis nominiert zu werden.

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