David Mitchell – Die Knochenuhren

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Zwischen Realität und Fantasy

Im Sommer 1984 läuft die junge Holly Sykes aufgrund von Liebeskummer und Streit mit der Mutter von zu Hause weg. Während ihrer Flucht begegnet sie einer alten Frau, welche ihr im Tausch für „Asyl“ einen Gefallen tut. Hollys Leben verläuft danach eigentlich recht gewöhnlich, doch kommt es immer wieder zu seltsamen Vorkommnissen, wie Zeitlöcher, Personen, die sich scheinbar aus dem Nichts materialisieren und auch sonst werden manche Gesetze der Physik gebrochen. Erst Jahre später versteht Holly, welche Bedeutung die alte Frau aus ihrer Kindheit für ihr Leben hat.

In seinem neuen Roman Die Knochenuhren folgt der Autor David Mitchell dem Leben von Holly Sykes von 1984 bis in die Zukunft. Eine Zukunft in der Rohstoffe knapp sind und der Zugang zu Internet, Strom und Öl umkämpft ist. Unterteilt ist der Roman in verschiedene Kapitel, zwischen denen jeweils immer mehrere Jahre vergehen. Aus der Perspektive von Holly werden dabei nur das erste und letzte Kapitel geschildert. Die Personen, die in den übrigen Abschnitten im Mittelpunkt stehen, sind aber immer von Bedeutung für sie selbst und sie taucht auch immer als Nebenfigur auf. Thematisch ist der Roman schwer einzugrenzen. Er enthält Elemente eines Entwicklungsromans und vieles geht Richtung Fantasy. Gleichzeitig schildert er aber auch den Irakkrieg aus der Sicht eines Kriegsreporters, oder lässt sich aus Sicht eines Autors über den Literaturbetrieb aus. Dieser vierte Teil aus Sicht des Schriftstellers Crispin Hershey ist der humorvollste des Romans. Crispin, ein erfolgreicher und extrem arroganter Autor, sieht hilflos mit an, wie sein neuestes Werk von einem Kritiker so schlecht besprochen wird, dass er fortan nur noch wenig Erfolg hat und sich an dem Journalisten und ehemaligen Freund rächen will. Zudem muss er erleben, wie die bis dahin unbekannte Autorin Holly Sykes mit einem esoterisch anmutenden Buch über fremde Stimmen im Kopf einen Riesenerfolg hat, während er, das „Enfant terrible“ der englischen Literatur, aufgrund ausbleibenden Erfolgs von Geldnöten und Sinnkrisen geplagt wird.

„Ein Schriftsteller flirtet mit der Schizophrenie, hegt seine synästhetische Wahrnehmung und heißt jede Zwangsstörung willkommen. Ihre Kunst zehrt an Ihnen, an Ihrer Seele und, ja, bis zu einem gewissen Grad auch an Ihrer Psyche. Lesenswerte Romane zu schreiben, wirbelt Ihren Verstand durcheinander, gefährdet Ihre Beziehungen und wirkt sich unangenehm auf ihr gesamtes Leben aus. Denken Sie daran.“

Wirklich bewundernswert ist, wie David Mitchell es schafft, zwischen den vielen Geschichten einen Zusammenhang herzustellen und sein dichtes Netz aus Andeutungen und kleinen, aber wichtigen Details, unter Kontrolle zu erhalten. Wenn schließlich die übernatürlichen Geschehnisse aufgelöst werden, macht alles Sinn und es ist überraschend festzustellen, wieviel in den ersten Kapiteln bereits angedeutet oder sogar direkt erzählt wird. Keine der Begegnungen wirkt im Nachhinein zufällig und es ist jedem Leser zu raten, auch den kleinen Details Beachtung zu schenken. Mitchell-Kenner und Fans dürfen sich außerdem über das Wiedersehen mit verschiedenen Figuren aus seinen vorigen Werken freuen. Über das Wiederkehren von Figuren in Mitchells Werk haben wir hier schon mal einen eigenen Beitrag verfasst.

Wer Sorge hat, dass es zu viel Fantasy sein könnte, kann dagegen beruhigt sein. Zwar kommen an verschiedenen Stellen immer wieder übernatürliche Ereignisse vor, aber letztlich ist nur das fünfte Kapitel komplett diesem Genre zuzuordnen. Dafür erklärt dieses Kapitel viele Zusammenhänge des zuvor Erzählten. Ansonsten wird eher realistisch das Leben von Reportern, Jugendlichen, Studenten und schlechtgelaunten Schriftstellern geschildert. Die Figuren selbst betonen dafür immer wieder, dass sie nicht an Esoterik-Quatsch glauben. Der Wechsel zwischen Fantasy und realer Welt funktioniert meistens gut und wirkt nicht deplatziert oder aufgesetzt.

In Die Knochenuhren erweist sich David Mitchell erneut als Erzähler einer sehr spannenden Geschichte, die immer wieder überraschen kann und nur schwer aus der Hand zu legen ist. Es ist wirklich erstaunlich, wie Mitchell es schafft, ein Buch zu schreiben, das 1984 als Coming-of-Age beginnt und über Jahrzehnte dem Leben von Holly folgt, ohne dass sie explizit im Mittelpunkt der jeweiligen Erzählung steht, und das ganze 2042 in einem apokalyptisch anmutenden Szenario beendet.

„Hätten sie Heinrich VII. mit Ethambutol von der TB geheilt, Isaac Newton eine Stunde Zugang zum Hubble-Teleskop gewährt oder in den 1980ern den Stammgästen im Captain Marlow einen handelsüblichen 3-D-Drucker präsentiert – alle hätten Ihnen das M-Wort entgegengebrüllt. Manchmal ist Magie etwas ganz Normales, man hat sich bloß noch nicht daran gewöhnt.“

Allen Interessierten an Mitchells Roman oder auch Fans sollte geraten sein, sich von den Fantasy-Elementen nicht abschrecken zu lassen. Mit Ausnahme des einen Kapitels werden sie eher dezent genutzt. Ansonsten schreibt der Autor einen spannenden Roman, der sich spielerisch durch verschiedene Genres bewegt und sowohl mit Humor als auch mit ernsten Momenten überzeugen kann. Wer schon mal ein Buch von Mitchell gelesen hat, erfährt zudem einiges über bereits bekannte Figuren.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es hier.

4sterne

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