Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

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Ein ungewöhnliches Arrangement

Die junge Natalie wird in einem Wohnheim für behinderte Menschen die Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Dorm ist Rollstuhlfahrer, besitzt ein unberechenbares Temperament und gilt allgemein als „schwieriger“ Fall. Schnell wird Natalie in ein Arrangement eingeweiht, das den Besuch von Christopher Hollberg betrifft. Hollberg ist ausgerechnet der Mann, dessen Leben von Dorm ruinierte wurde. Als Stalker zerstörte er Hollbergs Leben und trieb Hollbergs Frau in den Selbstmord. Die Besuche seien zu beiderseitigem Vorteil wird Natalie mitgeteilt. Doch Natalie bemerkt eine tiefe Abneigung Hollbergs gegenüber seinem angeblichen Freund.

Clemens J. Setz hat mit Die Stunde zwischen Frau und Gitarre einen Roman über das Beobachten und Stalken geschrieben, der tiefe Einblicke in das Leben von Menschen liefert, die nicht unbedingt als normal gelten würden. Nach den ersten hundert Seiten hatte ich den Eindruck, dass die Hauptperson Natalie eigentlich noch deutlich verrückter ist, als die Bewohner in dem Wohnheim, in dem sie arbeitet. Sie setzt sich wahlweise imaginäre Mäuse oder Engel auf die Schulter, streunt abends herum, wobei ihr Ziel Oralsex mit fremden Männern ist. Die Geräusche und Äußerungen, die dabei entstehen nimmt sie auf und verarbeitet sie zu Sound-Collagen. Manchmal nimmt sie auch benutzte Kondome mit nach Hause, deren Inhalt sie mit Wasser vermischt trinkt. Um sich zu beruhigen, führt sie „nonseq“ – Gespräche. Zudem hat sie einige Zeit in einer Sekte verbracht und ist Epileptikerin sowie Synästhetikerin. Also nicht unbedingt das Leben und Verhalten eines durchschnittlichen Menschen. Natalies ausgeprägten Sinneseindrücke und Verflechtungen bilden die Basis des Romans. Doch ist sie ein extrem einsamer Mensch. Das iPhone ist ihr wichtigster Bezugspunkt, mit dem sie ihr Leben ordnet und sie ist süchtig nach Live-Sendungen im Fernsehen, durch die sie das Gefühl bekommt, ein Teil der Welt zu sein.

Ebenso ungewöhnlich wie Natalie ist das seltsame Arrangement zwischen Dorm und seinem ehemaligen Opfer Hollberg. Vielmehr könnte man annehmen, dass sich das Verhältnis zwischen den beiden umgekehrt hat. Vor jedem Besuch wartet der Liebeskranke Dorm auf seinen Angebeteten, dem er wortwörtlich aus der Hand frisst. Zu Natalies Aufgaben gehört es, Dorm bei seinen Vorbereitungen zu helfen. Selbstgebastelte Kalender müssen erstellt werden, aber vor allem assistiert sie Dorm bei seinen aufwendigen Schminkvorbereitungen, was teilweise groteske Züge annimmt. Bei den Besuchen von Hollberg wird schnell klar, dass sich das Täter-Opfer Verhältnis geändert hat. Fast alle Beziehungen des Romans zeichnen sich durch ungleiche Machtverhältnisse aus und daher verwundert es kaum, dass Macht und Ohnmacht zu den zentralen Motiven des Werkes zählen.

Sprachlich gelingt es Setz gut eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, die durch viele Bilder entsteht. Wobei einige dieser Vergleiche mir etwas zu schief geraten sind. Wie soll denn bitteschön ein Baum aussehen, dessen Brille gerade ins Wasser gefallen ist? Aber vielleicht zeigt sich darin auch nur die abgedrehte Gedankenwelt von Natalie. Typisch für Setz gibt es im Text zahlreiche intertextuelle Verweise. So erscheint es kaum zufällig, dass Natalie Stephen King Leserin ist, während sie John Updike, den Helden ihres Ex-Freundes, als langweilig erachtet.

Wie oft hatte sie diesen Satz während ihrer Ausbildung und ihrer Arbeit gesagt und das exakte Gegenteil gemeint? Irgendwann würde der Satz rebellieren und sie in den Hals beißen, wie ein Hund, der jahrelang gegen den Fellstrich gestreichelt wurde.

Nach knapp tausend gelesenen Seiten stellt sich natürlich die Frage, ob der „Aufwand“ sich gelohnt hat. Ich würde sagen Jein. Mir ist der Roman einfach zu lang und hätte gerne um 300-400 Seiten kürzer sein können. Ich hätte nichts vermisst. Ja, die bedrohliche Atmosphäre macht die Handlung spannend, aber nach einigen hundert Seiten ist das Verhältnis zwischen Hollberg um Dorm doch offensichtlich und um Natalies gestörte Persönlichkeit darzustellen hätte es auch nicht so vieler Beispiele benötigt. Auch wenn das Lesen durchaus fordernd ist und die Figuren viele Reibungspunkte bieten, wird es nach einigen Wiederholungen doch langweilig und letztlich habe ich die Handlung als überraschungsarm empfunden.

Langatmiges Lesevergnügen

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre hätte mir eigentlich gut gefallen, wenn der Roman nicht so elendig lang gewesen wäre, beziehungsweise wenn durch die Länge neue Facetten der Figuren offengelegt würden oder es sonst Überraschungen gegeben hätte. So hatte ich gerade in der Mitte des Buches das Gefühl, eigentlich nur Abwandlungen des zuvor Gelesenen wiederzufinden. Trotzdem war es gleichzeitig schwer, sich dem Sog und der Atmosphäre zu entziehen. Letztlich ein ambivalentes Leseerlebnis, das mich etwas ratlos zurücklässt.

3sterne

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2 Gedanken zu “Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

  1. Wusste ich doch, dass ihr als gut aufgestellter Buchblog auch den Setz rezensiert habt 🙂 Das ist immer der erste, nach dem ich auf einem neuen Blog schaue, weil mich da die Meinungen zu seiner Bilder- und Gedankenwelt sehr interessieren… warum ich ihn trotz seiner manchmal etwas schiefen Metaphern großartig finde, kann man übrigens hier nachlesen: https://laemmchenblog.wordpress.com/2016/11/08/die-seltsame-welt-der-natalie-r/

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    • Obwohl mir dieser Setz nicht so gut gefallen hat, finde ich den Autor doch interessant und würde mir jederzeit neue Romane von ihm zulegen und lesen. Die Figuren und Gedankenwelten die er schafft, haben wirklich etwas besonderes, auch wenn es mir dann zu viele wird.

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