Raymond Carver – Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

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Die Bedeutung des Alltags

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, ist eine 1981 erstmals im Original veröffentlichte Kurzgeschichtensammlung des Autors Raymond Carver. Das Buch umfasst insgesamt 17 Stories. Carver selbst war es erst kurz vor der Veröffentlichung gelungen, seine Alkoholsucht zu überwinden und kurz darauf folgte auch die Trennung von seiner ersten Frau. Danach begann für den Autor ein glücklicheres Leben gemeinsam mit der Schriftstellerin Tess Gallagher.

Eigentlich war ich in den letzten Jahren nie besonders interessiert an Kurzgeschichten. Meistens hatte ich das Gefühl, dass auf so wenigen Seiten doch nicht alles ausgedrückt werden kann und Themen nur oberflächlich behandelt werden können. Spätestens nach Callan Winks Debüt Der letzte beste Ort weiß ich, wie sehr ich mich getäuscht habe. Auf der Suche nach weiteren Short-Stories, bin ich auf Raymond Carver gestoßen.

Doch wovon handeln nun die Short-Stories? In eigentlich jeder Geschichte geht es um zwischenmenschliche Beziehungen. Der Aufbau ist meistens recht ähnlich. Der Leser wird völlig unvermittelt in eine alltäglich anmutende Situation geworfen, die zunächst unscheinbar wirken. Doch nach und nach stellt sich die tiefere Bedeutung heraus. Ein Mann, der alle seine Möbel verkauft, Paare, die sich über die Liebe und ehemalige Beziehungen unterhalten und sich dabei mehr und mehr entfremden. Über allem schwebt ein beklemmender Ton. Die Geschichten enden offen und plötzlich und manchmal völlig überraschend. Das Thema Beziehungen findet sich in jeder Story wieder. Die Protagonisten stehen meistens mitten im Leben und sind doch irgendwie steckengeblieben und haben die Orientierung verloren auf der Suche nach ihrem Glück. Es sind scheinbar einfache Geschichten von scheinbar einfachen Menschen, die plötzlich merken, dass sie vom eigenen Leben überholt wurden. Das Motiv der Beziehungen wird von Carver aus verschiedenen Blickwinkeln und Schwerpunkten betrachtet und variiert.

Die erste Geschichte „Warum tanzt ihr nicht?“ zeigt einen Mann, der seine Möbel und sonstigen Dinge in seinen Garten zum Verkauf ausgestellt hat. Niemand schenkt ihm oder seinen Sachen Aufmerksamkeit, bis ein junges Paar vorbeikommt. Sie interessieren sich für das Bett und den Plattenspieler, doch anstatt einfach mit den gekauften Möbeln zu verschwinden, hören sie mit dem Mann alte Platten und fangen an zu trinken. Schließlich tanzt das Paar und auch der Mann mit dem Mädchen, die zu ihm sagt: „Sie müssen verzweifelt sein, oder so“. Noch Wochen nach der Begegnung denkt und spricht sie von dem Mann, doch es bleibt unklar, was sie so sehr bewegt hat und was dem Mann passiert ist. Ihr Ausspruch „oder so“, zeigt exemplarisch, das an verschiedenen Stellen thematisierte Problem, Worte für das Erlebte und die damit verbundenen Gefühle zu finden.

Er sagte: „Ich will nur noch eins sagen.“

Aber dann fiel ihm nicht ein, was in der Welt das sein könnte.

Auf sprachlicher Ebene sind die Geschichten minimalistisch gehalten, es finden sich kaum Ausschmückungen oder längere Beschreibungen, nur das nötigste wird gesagt. Keine Schachtelsätze über halbe und ganze Seiten. Trotz seines kargen Stils gelingt es Carver, die Personen greifbar zu machen, zwischen den Zeilen schwingen die Gefühle der Charaktere mit. Carver zeigt, dass der scheinbar graue Alltag eben doch mehr ist, wenn genau hingeschaut und –gehört wird. Jedem Leser sei empfohlen, besonders auf die letzten Sätze zu achten, die der Geschichte manchmal eine erneute Wendung geben, oder Vorangegangenes in einem anderen Licht dastehen lassen.

Ich hörte mein Herz schlagen. Ich hörte die Herzen der anderen. Ich hörte das Menschengeräusch, das wir machten, während wir dasaßen, ohne dass sich einer von uns rührte, auch nicht, als der Raum dunkel wurde.

Was ich besonders reizvoll finde, ist, dass vor einigen Jahren die ungekürzte Fassung der Kurzgeschichten erschienen ist unter dem Titel Beginners. Dem Vorwort ist zu entnehmen, dass Gordon Lish, der Lektor von Carver, über fünfzig Prozent des Inhaltes gestrichen hat. So konnten die Originalfassungen des 1988 verstorbenen Autors erst Posthum erscheinen. Die neue Fassung enthält außerdem Teile des Briefwechsels zwischen Carver und Lish, die ebenso interessant zu lesen sind. Einige Zeit gab es die Vermutung, dass erst die Eingriffe des Lektoren Carvers Sammlung zu einer solch besonderen gemacht hätten. Mit dieser Neufassung kann nun jeder Leser selber prüfen, ob dieser Vorwurf stimmt. Und so viel sei verraten, manche Geschichten sind plötzlich völlig anders. In manchen habe ich den Eindruck, dass die Eingriffe sich positiv ausgewirkt haben, bei anderen wiederum das genau Gegenteil. Durch die Streichungen fehlen wichtige Passagen, die zum Verständnis des Erzählten beitragen. Die ungekürzte Fassung erscheint mir emotionaler und melancholischer zu sein, ohne, dass diese Gefühle nur zwischen den Zeilen mitschwingen, sondern direkt im Text sichtbar werden. Wer Interesse an Kurzgeschichten hat und bis jetzt Raymond Carver noch nicht gelesen hat, sollte unbedingt die Chance nutzen, beide Bände nebeneinander zu lesen und zu vergleichen. Glücklicherweise sind beide Fassungen weiterhin erhältlich.

Kurzgeschichten von besonderer Qualität

Mit seinen Erzählungen hat Raymond Carver wirklich herausragende Short-Stories geschaffen. Die karge und lakonische Art des Erzählens passt genau zu den Protagonisten und den geschilderten Situationen, die sich um zwischenmenschliche Beziehungen drehen und diese aus allen Blickwinkeln betrachten. Besonders reizvoll ist ein Vergleich mit der ungekürzten Fassung. Aber auch jedes Buch für sich allein betrachtet ist absolut lesenswert.

5sterne

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3 Kommentare zu „Raymond Carver – Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“

  1. Es war zunächst dieser lakonische, indifferente Ton, der mich bei der ersten Lektüre Carvers irritiert zurückließ. Je öfter man jedoch in die Kurzgeschichten zurückkehrt, desto eingängiger ertönt ihre schwer zu umschreibende Melodie, die immer auch Melancholie ist. Möge diese schöne Buchbesprechung dafür sorgen, dass noch mehr Leserinnen und Leser sich einmal mit der Literatur Carvers befassen!

    Beste Grüße
    Ángel M. Perezáno

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  2. Ich habe mich bisher noch nicht wirklich dazu durchgerungen „Beginners“ vergleichend zu lesen. Ich liebe die Geschichten Carvers und besitze alle Bände. Aber wenn du schreibst, dass Emotionen und Melancholie in den Originalfassungen noch stärker zum Tragen kommen, verlockt mich das. Mal sehen, ob ich Zeit für ein Wiederlesen finde. Viele Grüße, Petra

    Gefällt 1 Person

    1. Leider habe ich die anderen Bände von Carver (noch) nicht gelesen.Schön zu hören, dass die anderen Geschichten von ohm auch so lesenswert sind. Wie gesagt, manche Geschichten sind in der Originalfassung besser, andere in der Lektorierten.

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