Haruki Murakami- Südlich der Grenze, westlich der Sonne

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Gibt es eine zweite Chance?

Hajime hat eigentlich keinen Grund, mit seinem Leben unzufrieden zu sein: Ende dreißig ist er glücklich verheiratet, hat zwei Töchter und ist Besitzer eines erfolgreichen Jazzclubs in Tokio. Trotzdem denkt er an seine Kindheitsfreundin Shimamoto, an das Händchenhalten mit ihr und das gemeinsame Schallplattenhören im Wohnzimmer ihrer Eltern. Plötzlich taucht sie eines Abends nach Jahrzehnten in seiner Bar auf. An regnerischen Abenden erscheint sie wie eine Halluzination und hebt Hajimes Leben aus den Angeln.

Südlich der Grenze, westliche der Sonne ist eine Neuübersetzung von Haruki Murakamis Klassiker Gefährliche Geliebte. Der Unterschied zwischen den Titeln ist, dass die neue Ausgabe direkt aus dem japanischen in die deutsche Sprache übersetzt wurde, während Gefährliche Geliebte eine Übersetzung der amerikanischen Ausgabe war. Gefährliche Geliebte war außerdem der Roman, der vor einigen Jahren in der Sendung Das literarische Quartett zu einem heftigen Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler führte, der damit endete, dass Löffler nicht weiter an der Sendung teilnahm. Einen gekürzten Zusammenschnitt (Achtung SPOILER!) der Auseinandersetzung gibt es hier.

Wahrscheinlich fühlten wir beide, dass wir noch unfertige Geschöpfe waren, auf der Suche nach etwas neuen, zu erreichenden Etwas, das uns erfüllen und vervollkommnen würde. Zehn Sekunden lang standen wir Hand in Hand vor dem Tor zu diesem Neuen. Nur wir beide. Im Schein eines trüben flackernden Lichts.

Hajime und Shimamoto begegnen sich bereits im Kindesalter. Beide gehen auf dieselbe Schule und sind dort die einzigen Einzelkinder, weshalb Hajime sich das Mädchen kümmern soll. Bei Shimamoto kommt zudem eine leichte Gehbehinderung dazu, so dass sie sich zusätzlich von den anderen Kindern unterscheidet. Die beiden verbindet ihre Liebe zur Musik und Literatur. Die Freundschaft und Zuneigung der beiden ist so tief, dass er sie als seine Seelenverwandte bezeichnet. Trotz aller Gefühle füreinander kommen die beiden sich aber nicht näher. Nach seinem Wegzug verliert er den Kontakt zu Shimamoto. Erst danach entdeckt Hajime sein Bedürfnis nach Sexualität. Obwohl sie aus seinem Leben verschwunden ist, denkt Hajime häufig an sie, auch nachdem er bereits verheiratet ist. Dreißig Jahre später sitzt sie plötzlich auf einem Barhocker in einem seiner Jazzclubs. Nun ist es an Hajime herauszufinden, ob Shimamoto real ist, oder nur ein Traum aus der Vergangenheit.

Mit einem Mal war mir, als führte ich das Leben an einem anderen Ort, der für diesen anderen geschaffen war. Inwieweit war dieser Mensch, den ich als ich bezeichnete, wirklich ich selbst? Inwieweit waren die Hände an diesem Lenkrad wirklich meine Hände? Inwieweit entsprach die Szenerie um mich herum der Realität? Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich.

Bis zum Auftauchen von Shimamoto beschäftig sich der Roman viel mit dem Thema Einsamkeit in einer modernen Gesellschaft. Hajime ist Einzelkind, ihm selbst fällt dieser Unterschied zu seinen Mitschülern deutlich auf. Auch nach seinem Studium fällt es ihm schwer zu entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen will. Bindungen mit anderen Menschen sind ebenso problematisch. Erst mit der Eröffnung seiner Jazzclubs, der Heirat mit Yukiko sowie den gemeinsamen Töchtern, scheint er zufrieden in seinem Leben zu sein. Bis eines Abends Shimamoto als Schatten der Vergangenheit vor ihm sitzt.  Mit ihrem Auftauchen geht die Handlung erst richtig los. Die Beziehung zwischen den beiden ist von Shimamoto bestimmt. Sie taucht auf wann sie es will, immer an regnerischen Abenden, und ebenso die Gesprächsthemen werden von ihr gelenkt. Nur wenig gibt sie von sich Preis, nur Andeutungen über Umstände, die sie nicht weiter erläutert. Über allem schwebt etwas Surreales und die Ahnung des Todes. Hajime glaubt, eine zweite Chance erhalten zu haben und kann schon bald nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden.

Vielleicht brauchen wir immer einen konkreten Beweis, dass etwas bestimmtes sich wirklich ereignet hat, weil unser Gedächtnis und unsere Wahrnehmung zu unzuverlässig und oberflächlich sind und zu vielen  Einflüssen unterliegen. In den meisten Fällen ist es fast unmöglich zu unterscheiden, in welchem Maße das, was wir als Fakten anerkennen, auch Fakten sind, und ab welchem Punkt wir sie nur für welche solche halten. Um unsere Wirklichkeit als wirklich zu verankern, benötigen wir eine weitere relative – eine verwandte – Wirklichkeit.

Ist es möglich, eine schon verpasste Chancen neu zu ergreifen? Diese Frage spielt eine tragende Rolle, ebenso wie die Themen Liebe, Treue und die Suche nach dem, was im Leben am Ende zählt. Murakami gelingt es hier meisterlich, normale Situationen plötzlich bedrückend erscheinen zu lassen, wodurch immer der Eindruck entsteht, das sich nicht alles rational erklären lässt. Einfühlsam stellt  der Autor die (widerstreitenden) Gefühle von Hajime dar und zeigt den fast vierzigjährigen Hajime in seiner ganzen inneren. Ebenso gefühlvoll, fast schon zart, schildert er zwischen Hajime und Shimamoto. Ja, vor allem eine der Sexszenen ist deutlich beschrieben, die aber unverkennbar einen bestimmten Erzählzweck verfolgt und somit eben nicht auf Effekthascherei aus ist. Da ich die alte Übersetzung nicht gelesen habe, kann ich zu den Unterschieden nichts sagen. Allerdings gefällt mir der neue Titel in seiner Poesie Südlich der Grenze, westlich der Sonne deutlich besser als der alte Titel Gefährliche Geliebte.

„Du bist doch glücklich?“
„Ich weiß es nicht genau. Zumindest bin ich nicht unglücklich und auch nicht einsam.“

Bewegend und tiefgründig

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist ein weiteres Buch von Murakami, das mir sehr gut gefallen hat. Die Themenvielfalt, das Ausleuchten der Gefühle seines Hauptcharakters und die klare Sprache haben mir ein spannendes und nachdenklich machendes Leseerlebnis beschert, das ich jedem nur empfehlen kann.

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Ein Gedanke zu “Haruki Murakami- Südlich der Grenze, westlich der Sonne

  1. Ich habe nur den alten Titel „Gefährliche Geliebte“ gelesen und der war schon gut, auch wenn er aus dem Englischen übersetzt wurde und nicht aus dem Japanischen. Allerdings finde ich den neuen Titel auch wesentlich besser, da gebe ich dir vollkommen recht.

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