Paul Auster – Winterjournal

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In seiner ungewöhnlichen Autobiografie Winterjournal nimmt uns Paul Auster mit auf die Reise durch sein bisheriges Leben – fast 64 Jahre bis zum Erscheinen dieses Buchs. Wir begleiten ihn bei Arztbesuchen, beim Sex mit Prostituierten, bei Streitigkeiten und Liebschaften, bei Unfällen, Lesungen, Reisen, Umzügen. Ein ganz normales Leben eben. Wäre da nicht die Tatsache, dass Paul Auster ein weltbekannter Schriftsteller ist.

Vor drei Jahren, direkt nach seinem Erscheinen, habe ich schon einmal versucht, Winterjournal zu lesen. Kurz zuvor hatte ich Austers Roman Unsichtbar gelesen und war begeistert. Doch nach etwa 30 biografischen Seiten habe ich gelangweilt das Handtuch geworfen, ich war vollkommen unmotiviert, noch weitere Zeilen zu lesen. Irgendwie hatte es mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht zugesagt, es hat mich weder literarisch noch emotional angesprochen. Vielmehr hatte ich das Gefühl, nur über die nostalgischen Kindheitserinnerungen und Berichte von Gebrechen eines alten Mannes zu lesen.

Das Inventar deiner Narben, insbesondere der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen, wenn du dich rasierst oder dir die Haare kämmst, im Badezimmerspiegel sehen kannst. Du denkst selten daran, aber wenn du es tust, begreifst du, es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählen soll, der du bist, denn jede einzelne Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde, und jede einzelne Wunde war das Ergebnis einer unerwarteten Kollision mit der Welt.

Das ist jetzt, beim zweiten Versuch, überhaupt nicht mehr der Fall. Ich mochte es, wie Auster bruchstückhaft und assoziativ durch sein Leben springt, sich von einer Erinnerung zur nächsten hangelt. Es sind unglaublich banale Situationen, die er da beschreibt – und dennoch habe ich mich (dieses Mal) keine einzige Minute gelangweilt. Das Buch verbindet meiner Meinung nach poetische Alltagsphilosophie mit wirklich lustigen Anekdoten.

1952. Fünf Jahre alt, nackt in der Wanne, allein, groß genug jetzt, dich selbst zu waschen, und während du im warmen Wasser liegst, macht plötzlich dein Penis auf sich aufmerksam, indem er aus der Wasserfläche taucht. Bis zu diesem Moment hast du deinen Penis stets nur von oben gesehen, wenn du im Stehen auf ihn hinabgeblickt hast, aber aus diesem neuen Blickwinkel, mehr oder weniger auf Augenhöhe, scheint es, als habe die Spitze deines beschnittenen Gliedes verblüffende Ähnlichkeit mit einem Helm. Mit einem altmodischen Helm, ähnlich denen, die von Feuerwehrleuten Ende des neunzehnten Jahrhunderts getragen wurden. Die Entdeckung behagt dir sehr, denn in dieser Phase deines Lebens wünscht du dir nichts sehnlicher, als später einmal Feuerwehrmann zu werden, ein Job, der dir den größten Heldenmut zu erfordern scheint (und das tut er zweifellos), und wie gut passt es da, am eigenen Leib mit einem Minifeuerwehrhelm ausgestattet zu sein, an jenem zentralen Körperteil, der obendrein nicht nur aussieht, sondern auch arbeitet wie ein Schlauch.

Ja, Auster schreibt ellenlange Sätze mit hunderten Kommata. Das mag für den ein oder anderen Leser schwierig und anstrengend sein, für mich jedoch ist so ein unglaublicher Rhythmus und Sog von den Sätzen ausgegangen, die ich somit trotz alltäglicher, unspektakulärer Thematik nahezu verschlungen habe. Durch seine endlosen Sätze, die dennoch zum Teil unfertig erscheinen (ob fehlender Verben beispielsweise), kam es mir nicht so vor, als würde ich ein Buch lesen, sondern vielmehr Paul Auster dabei zuhören, wie er mir, mir ganz persönlich, seine Geschichte erzählt. Ebenfalls großartig, gerade weil es von einem so berühmten Mann kommt, ist das Eingestehen der eigenen Schwächen. Er ist kein Prominenter, kein erhabener Intellektueller, er ist Paul, von nebenan, der, der sich mit seinen Nachbarn streitet und Autounfälle baut. Diese Tatsache ließ mich mit Paul Auster mitfühlen, mich mit ihm identifizieren. Oft habe ich gedacht ‚Ja, genau so fühle ich mich!‘ obwohl zwischen mir und seinem literarischen Ich des Buchs fast 40 Jahre liegen. Wir lernen hier zwar auch den Schriftsteller Paul Auster kennen, aber hauptsächlich den Mann hinter dem Namen.

Die Zimmernummer deines Apartments schmeichelte dir mit ihrer Symbolik. 1-I, das Eine Ich, der Einzelne, der sich täglich für sieben oder acht Stunden in diesen Bunker verkriecht, ein stiller Mann, der, abgeschnitten vom Rest der Welt, Tag für Tag an seinem Schreibtisch sitzt, mit nichts anderem im Sinn, als das Innere seines Schädels zu erforschen.

Paul Austers Winterjournal führt uns durch 64 Jahre eines großartigen Schriftstellers, eines einfachen Mannes mit Fehlern und Schwächen, mit Ängsten und Freuden. Über banale Situationen philosophiert er so einfach aber klug, bis auch wir die Schönheit in ihnen erkennen können. Es ist ein autobiografisches Buch, aber gleichzeitig – trotz schnörkelloser, einfacher Sprache – ein kleines Kunstwerk.

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