Tomas Espedal – Wider die Natur

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Ein älterer Mann lernt auf einer Party eine jüngere Frau kennen. Die beiden verlieben sich und beginnen eine Affäre. Nach einiger Zeit verlässt die junge Frau den Mann wieder. Eigentlich nichts Besonderes. Doch für Tomas Espedal wird ein Prozess des Erinnerns ausgelöst: Erinnerungen an die Jugend, die erste Liebe, die Zeit mit seiner bereits verstorbenen Frau, alltägliche Erfahrungen.

Das Buch Wider die Natur des norwegischen Autors Tomas Espedal beginnt mit dem Kennenlernen zwischen dem Mann und der jungen Frau auf einer Silvesterparty. In der Bibliothek des Gastgebers schlafen die beiden miteinander und noch in derselben Nacht sagt er zu ihr die drei Worte: „Ich liebe dich“ und meint es wirklich so. Doch letztlich wird er allein sein, in seinem Arbeitskeller, wo er sich an die Frauen erinnert, die er geliebt hat. Jede der drei Beziehungen ist gescheitert. Er selbst stammt aus dem Arbeitermilieu, arbeitet als Jugendlicher in der Fabrik seines Vaters, wo er für das Ölen und Reinigen der Webstühle zuständig ist. Aus diesem Milieu stammt auch seine erste Freundin. Auf einer Party erhält er das Angebot eines anderen Mädchens, diese nach Haus zu begleiten. Er schlägt das Angebot aus. Zehn Jahre später, der Erzähler ist mittlerweile Schriftsteller, wird er der Partybekanntschaft nach Rom folgen. Sie, mit Namen Agnete, ist mittlerweile Schauspielerin. Agnete ist exzentrisch und eigensinnig, die Beziehung alles andere als einfach.

Ich saß vorn in dem LKW und dachte an Knut und sein Lachen; wovor hast du Angst?, hatte er gefragt. Ich saß in dem Wagen und fuhr einem neuen Leben in einem Kleinbauernhof in Sunnfjord entgegen, und jetzt konnte ich es endlich sagen, laut und deutlich, aber nur zu mir selbst: Ich habe Angst vor der Liebe, Knut.

Auch nach der Hochzeit bleibt Agnete die Bestimmende. Sie kauft ein Haus in der Natur und entschließt sich, mit ihm und der gemeinsamen Tochter nach Nicaragua zu gehen, um dort eine Frauentheatergruppe zu leiten. Der Erzähler hört auf seiner Tätigkeit des Schreibens weiter nachzugehen, lässt von Agnete über sein Leben bestimmen und verliert dabei das aus dem Blick, was er eigentlich selbst von seinem Leben will. Der einzige Trost ist die gemeinsame Tochter, um die er sich hingebungsvoll kümmert. Tomas Espedal muss seine Frau nach einiger Zeit zwingen, das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land wieder zu verlassen, um in die Heimat zurückzukehren, wo es bald darauf zur Trennung kommt. Einige Zeit später stirbt Agnete.

Tomas Espedal stützt sich in Wider die Natur allerdings nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, sondern baut gleichzeitig ein Netz aus literarischen Referenzen auf, zu denen Samuel Beckett, Marguerite Duras, Malcolm Lowry und Ovid gehören. Der wichtigste literarische Bezugspunkt sind aber die Liebesbriefe von Abaelard und Heloise aus dem 12. Jahrhundert. Zitate aus dem Briefwechsel baut er ein und spiegelt in ihnen sein eigenes Empfinden.

Doch es sind nur die Beobachtungen der Liebe, der dieses Buch so lesenswert machen. Viele kleine, fast schon banal und selbstverständlich anmutende Beobachtungen, sind ebenso interessant und spannend. Die Blicke aus dem Küchenfenster auf die verschneite Winterlandschaft und vor allem das liebevolle Kümmern des Erzählers um die Tochter.

Ich war allein mit meiner Tochter im Haus. Sie wachte früh auf, meist um fünf Uhr morgens, es war dunkel; wir saßen in der Küche und warteten auf den Morgen. Wir saßen in der Küche und warteten darauf, dass die Nacht ein Ende hatte, dass das Licht kam, dass der Morgen anbrach.

Obwohl die grundlegende Geschichte, alter Mann verliebt sich in deutlich jüngere Frau einen schnell an Klischees und Midlife-Crisis denken lassen könnte, macht Tomas Espedal nicht den Fehler, diese (negative) Erwartungshaltung zu erfüllen. Vielmehr erzählt er direkt, offen und intim von seinem Liebesleid. Dabei zeigt sich Espedal schonungslos sich selbst gegenüber, schildert seine Gefühle, ohne etwas zu beschönigen und präsentiert sich als fünfzigjährigen Mann in all seiner Verzweiflung und Verletztheit.

Das Buch folgt dabei keiner festen Textform, sondern ist eine Mischung aus Notizen, Tagebüchern, Essays und Erzählungen. In seiner Ehrlichkeit versucht der Autor nicht, den Leser mit komplizierten Formulierungen zum Thema Liebe für sich zu gewinnen, sondern schreibt klar, ohne große Schnörkel seine autobiografischen Erinnerungen, die sich durch ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auszeichnen.

Ich versuche, möglichst rasch und direkt zu schreiben, ohne darauf zu achten, ob das Ergebnis gut oder schlecht ist, ohne Berichtigungen oder Striche, ohne Gedanken an mögliche Leser; nur dann erlange ich eine ganz unentbehrliche Freiheit, kann ich schreiben, was ich will.

Wider die Natur ist ein eindrucksvoller autobiografischer Roman, der einen Mann mit all seinen Gefühle und Erinnerungen an seine Liebeserfahrungen zeigt. Er beschönigt nichts, ist ehrlich in seiner Trauer und Verzweiflung und beschreibt gleichzeitig alltägliche Beobachtungen, sowie das Älterwerden und die Vergänglichkeit.

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4 Gedanken zu “Tomas Espedal – Wider die Natur

  1. Das Buch hat mich damals beim Lesen richtig am Herzen gepackt – weil es eben so ehrlich in seiner Trauer und Verzweiflung, wie du es schreibst, ist. Und weil es sprachlich doch so schön ist, dass man gerne auch über diese Traurigkeit liest. Ich bin seither ein großer Espedal-Fan.

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  2. Pingback: Blogbummel März 2017 – 2. Teil – buchpost

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