Carlos Ruiz Zafón – Das Labyrinth der Lichter

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Spanien während der Franco-Diktatur: Ein Auftrag der politischen Polizei bringt Alicia Gris zurück in ihre Heimat, die Stadt Barcelona. Unter größter Geheimhaltung soll sie das Verschwinden des Ministers Mauricio Valls aufklären, der in der Vergangenheit Direktor des Montjuїc Gefängnisses war. Dieses dunkle Kapitel seines Lebens scheint ihn nun einzuholen. In seinem Besitz findet Alicia ein Buch aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“, das sie an ihr eigenes Schicksal erinnert. In Barcelona stößt sie auf die Buchhandlung Sempere & Söhne und findet Antworten, die zu einer düsteren Intrige führen.

Mit seinem neuen Roman Das Labyrinth der Lichter schließt der spanische Autor Carlos Ruiz Zafón seine Reihe rund um den Friedhof der vergessenen Bücher ab. Hier werden viele Handlungsfäden aus den anderen Büchern Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels und Der Gefangene des Himmels miteinander verknüpft und offenen Fragen beantwortet, sowie die Verbindungen zwischen den verschiedenen Büchern geklärt. Chronologisch gesehen schließt der Roman an Der Gefangene des Himmels an. Im Mittelpunkt steht allerdings eine neue Figur, nämlich Alicia Gris. Selbst aus Barcelona stammend, arbeitet sie nun im Auftrag einer geheimen Organisation. Alicia ist eine eigenwillige und zynische Frau, mit einer bewegten Vergangenheit, die sowohl körperliche als auch seelische Verletzungen hinterlassen hat. Ihre besonderen Fähigkeiten soll sie nun für die politische Polizei einsetzten, welche das Verschwinden des Kulturministers Mauricio Valls untersucht. Dabei stößt sie auf dunkle Geheimnisse, die in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs zurückreichen und deren Aufdeckung von mächtigen Personen behindert wird. Doch wer steht hinter den Intrigen und Verwicklungen? Zeitlich spielt die Handlung zu Beginn der 1960er Jahre. Schauplatz ist diesmal nicht nur Barcelona, sondern in einigen kurzen Abschnitten auch Madrid. Hier lebt Alicia Gris, in einem verfallenen Hotel, das seine beste Zeit hinter sich hat und mehr als ein Geisterhaus erscheint. Nicht nur das Hotel lässt an Schauergeschichten denken, auch in der späteren Handlung gelangen die Figuren immer wieder an schaurige und gespenstische Orte.

Wie Erhängte hingen sie an Seilen von der Decke – Männer, Frauen und Kinder in Galakleidung aus anderen Zeiten, die sich im Halbdunkel einen halben Meter über dem Boden wiegten wie in einem geheimen Fegefeuer gefangene Seelen. Es gab Dutzende von ihnen, einige mit lächelnden Gesichtern und glasigem Blick, andere noch unvollendet. Alicia fühlte ihr Herz in der Kehle schlagen. Sie atmete tief ein und trat in die Menge der hängenden Gestalten ein. Arme und Hände strichten ihr über Haar und Gesicht, während sie langsam weiterging und dabei die Puppen in eine leichte Schwingung versetzte.

Neben den neuen Figuren gibt es auch ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern, wie der Familie Sempere und ihrer Buchhandlung. Etwas schade ist es, dass die älteren Figuren keine Wandlung durchmachen, was vor allem an Daniel Sempere, dem Hauptcharakter aus der Schatten des Windes auffällt, der ziemlich blass bleibt und der immer noch überfordert mit den Ereignissen um sich herum wirkt. Wer natürlich auch nicht fehlen darf ist Fermín, der ständig sexuelle Anspielungen von sich gibt und jeden in seiner Gegenwart mit seinen Lebensweisheiten beglückt.

Das ist, weil Sie noch sehr jung sind und ein bisschen dumm. Wenn man jung ist, sieht man die Welt, wie sie sein sollte, und wenn man alt ist, sieht man sie, wie sie ist. Das wird schon vorübergehen.

Obwohl der Roman knapp 950 Seiten hat, ist das von Zafón angeschlagene Tempo der Erzählung ziemlich hoch. Immer wieder kommt es zu neuen Enthüllungen und Verbindungen, was das Lesen spannend macht. Was dabei leider etwas auf der Strecke bleibt, sind die atmosphärischen und düsteren Beschreibungen der Stadt Barcelona, die in allen Teilen der Tetralogie eine tragende Rolle spielt. Hier kommen die ruhigen Momente aufgrund der schnell voranschreitenden Handlung zu kurz, so dass nur wenig Zeit bleibt, um die wenigen Stellen, in denen dieser wunderbare Handlungsort im Mittelpunkt steht zu genießen.

Immer waren ihr die Straßen lieber gewesen, die sie weder mit Trambahnen noch Autos teilen musste. Hier, mitten im alten Barcelona, wo die Maschinen und ihre Adepten nicht einzudringen vermochten, nährte sie den Glauben, die Zeit verlaufe kreisförmig, und wenn sie nicht weiter als bis zu dem Gässchenlabyrinth ginge, wo sich die Sonne nur auf Zehenspitzen hineintraute, würde sie vielleicht nie altern und könnte in eine verborgene Zeit zurückkehren, um den Weg wiederzufinden, den sie nie hätte verlassen dürfen.

Einem einzigen Genre lässt sich der Roman nicht zuordnen. Es lassen sich sowohl Elemente einer klassischen Krimi-Handlung finden, aber ebenso gibt es einige Aspekte, die sich der Mystery zuordnen lassen. Zusätzlich behandelt der Autor die Zeit des spanischen Bürgerkriegs sowie die Franco-Zeit und deren Auswirkungen auf die spanische Gesellschaft.

Dass ich Zafóns Bücher immer sehr gerne mochte, lag vor allem an der dichten und bildreichen Sprache des Autors, mit der er eine ganz besondere Atmosphäre schaffen konnte, in die ich immer gerne eingetaucht bin und seine Erzählungen verfolgt habe. Diesen Sprachstil verfolgt Zafón auch in Das Labyrinth der Lichter. Allerdings gelingt es ihm diesmal nicht, mich als Leser so zu begeistern. Manche Bilder und Vergleich wirken schief. Diese besondere Zafón-Atmosphäre will sich hier nicht so einstellen, wie im Schatten des Windes – eine Erwartung, die aber auch schwer zu erfüllen ist.

Nach dem Abschluss der Reihe um die den Friedhof der vergessenen Bücher stellt sich bei mir ein wehmütiges Gefühl ein. In den letzten Jahren bin ich immer gerne in Zafóns Barcelona zurückgekehrt und habe die liebgewonnenen Figuren auf ihrem Weg begleitet, trotz der Schwächen, die der zweite und dritte Band durchaus hatten. Das Labyrinth der Lichter ist ein würdiges Ende für die Reihe. Es ist spannend, verknüpft die Handlungen der vorigen Bände und löst offene Fragen. Dabei gelingt es Zafón aber nicht, nochmals die Klasse von Der Schatten des Windes zu erreichen.

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