Emma Cline – The Girls

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Wie die Manson-Sekte ein liebesbedürftiges Mädchen köderte

Kalifornien, Ende der 19060er Jahre. Evie Boyd ist 14 Jahre alt und lebt in einer schläfrigen Kleinstadt. Ihre Eltern trennen sich, ihre einzige Freundin ist uncool und langweilig. Als sie eines Tages Suzanne und ein paar andere Mädchen im Park sieht, ist sie sofort in ihren Bann gezogen. Sie tut alles, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu erregen und in ihren Kreis aufgenommen zu werden. Wie sich herausstellt, sind Suzanne und die anderen jedoch keine gewöhnlichen Mädchen: sie leben gemeinsam mit Russell, einem Typ wie Charles Manson, auf einer Ranch, unabhängig und frei, Drogen, Sex und Faulenzen stehen an der Tagesordnung. Doch ist das Leben dort wirklich so sorglos, wie es scheint? Als Evie sich Jahrzehnte später in das Strandhaus eines Freundes eingenistet hat, erinnert sie sich zurück an die aufregende und gefährliche Zeit bei Russell und seinen Anhängern.

„Du wirst ihn lieben“, sagte sie. „Er ist nicht wie andere. Kein Scheiß. In seiner Nähe zu sein ist wie ein natürliches High. Wie die Sonne oder so. genauso groß und hell.“

Ich muss gestehen, dass ich anfangs große Schwierigkeiten hatte, mit dem Schreibstil der Autorin zurechtzukommen. Ich fand es anstrengend, die ersten 30 Seiten zu lesen, bin nur sehr schwer und langsam voran gekommen und die Sätze blieben kaum in meinem Gedächtnis. Irgendwann wird es einfacher zu lesen – ich bin allerdings nicht sicher, ob man sich einfach nur daran gewöhnt.

Tamar war lieb und freundlich, aber die Welt, in der sie sich bewegte, kam mir wie eine Fernsehkulisse vor: beschränkt, überschaubar und banal, ein Ausdruck von Normalität.

Hinzu kommt, dass ich die ersten knapp 100 Seiten unglaublich langweilig fand. Sie haben sich sehr gezogen und waren für mich persönlich uninteressant. Es werden Hintergrundinformationen zu Evie gegeben, aus ihrer Zeit als Jugendliche, ihrer schwierigen familiären Situation und ihrer Suche nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Allerdings haben mich diese Kapitel ehrlich gesagt gelangweilt, vermutlich, weil ich mich mit der verzogenen Göre, als die Evie porträtiert wird, überhaupt nicht identifizieren konnte. Ihre „Probleme“ erschienen mir lächerlich, ihr Hass selbstgefällig und ihr Charakter falsch und hinterhältig. Evies Suche nach Liebe und Wertschätzung treibt sie in die Katastrophe, aber irgendwie hat Cline es leider nicht geschafft, dass ich Mitleid empfinde oder Angst um Evie habe.

Als Kind hatte ich einmal an einer Hundeausstellung zu wohltätigen Zwecken teilgenommen und an einer Leine einen hübschen Collie herumgeführt, der ein seidenes Tuch am Hals trug. Wie mich die sanktionierte Darbietung begeistert hatte: wie ich vor Fremde hintrat und sie den Hund bewundern ließ, mein Lächeln so nachsichtig und beharrlich wie das einer Verkäuferin, und wie leer ich mich gefühlt hatte, als es vorbei war und mich niemand mehr anzusehen brauchte.

Nach den ersten 100 Seiten wurde es spannender, als Evie endlich Suzanne kennenlernt und mit ihr zu Russells Ranch fährt, um dort mehr oder weniger zu leben. Dieses Hippieleben auf der Ranch ist deutlich interessanter als Evies Leben daheim sowie die einschläfernde Rahmenhandlung der erwachsenen Evie Boyd. Die Schilderungen des Ranchlebens, insbesondere des Drogenkonsums und der sexuellen Handlungen, zu welchen die Mädchen oft genötigt wurden, ohne sich selbst über diese Nötigung bewusst zu sein, waren faszinierend und gleichzeitig abstoßend.

Es war ganz anders als das Festmahl, das ich mir vorgestellt hatte. Der Unterschied stimmte mich ein bisschen traurig. Aber traurig war es nur in der alten Welt, rief ich mir in Erinnerung, wo die Leute von der bitteren Medizin ihres Lebens eingeschüchtert blieben. Wo Geld alle versklavte, wo sie sich die Hemden bis zum Hals zuknöpften und jede Liebe erwürgten, die sie in sich trugen.

Was mich jedoch extrem gestört hat, ist die Selbstgefälligkeit, mit welcher Russell und seine Anhänger sich selbst, ihr Leben und alles Außenstehende bedenken. Ich war oft genervt von den Charakteren, inklusive Evie, welche alles außerhalb ihres kleinen Kreises Existierende herablassend betrachten. Ich weiß nicht, ob es Clines Absicht war, aber für mich persönlich entmystifiziert sie Charles Manson und dessen Anhänger durch diesen Roman gekonnt und porträtiert sie als selbstgerechte, realitätsfremde Versager, die sich für den Nabel der Welt halten. Aber nicht nur die Bewohner der Ranch, sondern auch Evies Familie und Freunde sind alle völlig unsympathische Charaktere. Man fragt sich am Ende des Buches, ob Emma Clines misanthropische Botschaft lautet: „Egal ob Kapitalist oder Hippie, im Grunde ihres Herzens sind alle Menschen Abschaum.“ Falls ja, konnte sie dies wunderbar darstellen.

Sperriger Stil und langweilige Story

Emma Clines Roman The Girls hätte gut werden können, vielleicht sogar unglaublich gut. Stattdessen präsentiert sie uns unsympathische Charaktere in einem sperrigen Schreibstil und einer für mich streckenweise sehr langweiligen Handlung. An vielen Stellen habe ich mir gewünscht, das Buch endlich durchzuhaben. Die Grundidee war nicht schlecht, aber vielleicht wäre es interessanter geworden, wenn sie sich mehr auf das Kommunenleben auf der Ranch und Evies dortige Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit fokussiert hätte.

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