Laurent Binet – Die siebte Sprachfunktion

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Mord im Paris der Poststrukturalisten

Paris im Jahr 1980: Nach einem Essen mit dem Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand wird Roland Barthes von einem Wäschelieferanten überfahren. Dabei verschwindet auch ein Manuskript, das er bei sich trug. Ein Zeuge des Unfalls, Michel Foucault, behauptet, es sei Mord gewesen. Kommissar Bayard steht vor einem Rätsel und engagiert den Sprachwissenschaftler Simon Herzog als Assistenten. Die Spur der Mörder führt durch Paris, nach Bologna zu Umberto Eco und zur Cornell University im Staat New York. Nach und nach kommen die beiden Ermittler dem Geheimnis des Manuskripts auf die Spur, der siebten Sprachfunktion.

Lauren Binet beginnt seinen Roman Die siebte Sprachfunktion mit dem Tod Barthes‘. Dieser wurde wirklich am 25. Februar 1980 von einem Kleintransporter überfahren und erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Ein tragischer Tod des Mannes, der sich in seinem Leben mit den kleinen Details des Alltags und ihrer symbolischen Bedeutung auseinandergesetzt hat. Bei Binet ist dies jedoch kein Unfall sondern eben Mord. Und dieser Mord soll nun von Kommissar Bayard aufgeklärt werden. Der Kommissar besitzt eine konservative Weltanschauung und verachtet Studenten, Linke und alle Intellektuellen. Ausgerechnet in diesem Milieu muss er nun ermitteln.

Das Wort „System“ bestätigte dem Polizisten, was er schon befürchtet hatte: Er ist unter die Linken geraten. Aus Erfahrung weiß er, dass sie immer nur davon reden: die verfaulte Gesellschaft, der Klassenkampf, das „System“ … Ungeduldig wartete er, was jetzt noch kommt.

Um erstmal zu verstehen womit er es zu tun hat, verpflichtet Bayard kurzerhand den Doktoranden Simon Herzog, Kenner der Semiotik und Linker. Die beiden kommen dem Manuskript auf die Spur, dass bei Barthes‘ Tod entwendet wurde und die sechs Sprachfunktionen von Roman Jakobson um eine mysteriöse siebte erweitert. Doch wer könnte Interesse an diesem Dokument haben, dass er so weit geht, einen Mann zu ermorden? Bei ihrer Suche stoßen Bayard und Simon auf Agenten des bulgarischen Geheimdienstes, die mit vergifteten Regenschirmen ausgerüstet sind, zwei mysteriöse Japaner, die scheinbar immer im richtigen Moment auftauchen, eine auffallend hübsche Krankenschwester, die immer wieder ihren Weg kreuzt und auf einen Geheimbund. Doch der Roman wird nicht nur von diesen seltsamen Gestalten bevölkert, sondern auch von einigen bekannten (Sprach-)Philosophen wie Michel Foucault, Julia Kristeva, Philippe Sollers, Jacques Derrida und Louis Althusser. Später stoßen dann auch noch ihre amerikanischen Kollegen dazu. Doch keine Angst, auch Personen die bei Begriffen wie „Signifié“ und „Signifiant“ erstmal nur Bahnhof verstehen, können an Binets Werk ihren Spaß haben. Denn der Autor versteht es sehr gut, die Theorien der Theoretiker zu anschaulich zu erklären, ohne dass es dabei zu wissenschaftlich oder langweilig zugeht. (Wobei mir das Verständnis durch die Linguistik-Kurse der letzten Jahre recht einfach fällt und ich auf Vorwissen zurückgreifen kann.) Binet nimmt die historischen Personen nicht gerade ernst und lässt sie in skurrilen Situationen auftreten. So treffen Simon und der Kommissar auf Foucault während einer Orgie in einer Sauna, wo dieser philosophiert und (sehr) schlechte Witze macht: „ Dies ist keine Pfeife, hätte Magritte gesagt, haha!“.  Umberto Eco scheint der einzige zu sein, der einigermaßen unbeschadet davonkommt. Binet geht aber nur respektlos mit den Persönlichkeiten um, keinesfalls mit ihren Theorien. Ihre Leistungen werden ausdrücklich gewürdigt und spielen eine wesentliche Rolle für den ganzen Roman. Vielmehr lässt sich das Ganze auch als eine Reflexion über Sprache und Kommunikationsmittel interpretieren. Aber auch sonst gibt es viele witzige und skurrile Szenen. Etwa den Logos-Club, wo sich besonders sprachbegabte Personen mit Worten duellieren und als Einsatz einen Finger setzen.

Da sieht man’s: das Schriftliche ist der Tod. Texte gehören in Schulbücher. Nur in der Verwandlung durch die Rede gibt es Wahrheit, nur der mündliche Ausdruck reagiert rasch genug, um das reale Tempo des fortschreitenden Denkens wiederzugeben. Die Mündlichkeit ist der Beweis dafür, wir sind der Beweis dafür, wie wir hier versammelt sind, um zu reden. Um zuzuhören, uns auszutauschen, zu diskutieren, zu streiten, um gemeinsam lebendiges Denken zu erschaffen, um die Kommunion von Wort und Gedanken zu feiern, beseelt von den Mächten der Dialektik, in Schwingungen versetzt von den Klangwellen, die man das Wort nenn und deren Verschriftlichung nur ein blasses Abbild ist: äußerstenfalls wie die Partitur eines Musikstücks.

Doch Laurent Binet spielt dabei nicht nur mit den historischen Persönlichkeiten, vor denen er keinen Respekt zeigt und karikiert, sondern auch mit dem Leser. Denn der Leser wird genau wie Simon und der Kommissar zum Spurenleser. Er weiß mehr als die beiden und in jedem Zeichen könnte eine tiefere Bedeutung stecken. So ist bestimmt kein Zufall, dass ständig ein schwarzer Citroën DS auftaucht, immerhin das Wahrzeichen von Barthes‘ Mythen des Alltags. Der Leser wird sozusagen zu einem Detektiv, der mithilfe die vielen Andeutungen im Text zur Semiotik dechiffrieren kann, wenn denn alle Anspielungen erkannt werden. Die Semiotik erscheint in Die siebte Sprachfunktion als Wissenschaft, die nicht in die falschen Hände geraten sollte.

Das Spiel mit den Konventionen, das Binet treibt, geht noch weiter. Der Text wird von einem Erzähler erzählt, der an verschiedenen Stellen als „Ich“ plötzlich auftaucht, Erklärungen und Gedanken wiedergibt oder den Autor korrigiert, um dann wieder zu verschwinden. Doch wer ist denn dieses „Ich“? Auch Simon Herzog fühlt sich im Verlauf der Handlung immer mehr als Romanfigur und als Hauptcharakter kann ihm doch eigentlich nichts passieren. Oder doch?

Spannend, skurril und witzig

Laurent Binet verbindet in seinem Roman Die siebte Sprachfunktion Wissenschaft mit einer Kriminalhandlung. Die Spurensuche mit Bayard und Simon ist witzig, skurril, spannend und verarbeitet dabei gekonnt wissenschaftliche Inhalte, ohne dozierend zu wirken. Trotz des Auftauchens vieler Intellektueller und ihrer Theorien ist das Buch für Leser ohne Vorwissen zu verstehen und ein sehr unterhaltsames Lesevergnügen, das zum Mitdenken und Nachdenken einlädt.

Weitere Informationen zum Autor und Werk finden sich auf der Seite des Rowohlt Verlags.

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