Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison Gott, hilf dem Kind

Von Schuld und Scham

Bei ihrer Geburt ist Lula Ann ein so tiefschwarzes Baby, dass sich ihre Mutter Sweetness  zutiefst erschrickt und der Vater die Familie sofort verlässt, dieses Kind kann nicht von ihm stammen. Die Mutter muss Lula Ann alleine großziehen und lehrt sie vor allem Unterwürfigkeit und Gehorsam, aus Angst vor rassistisch motivierten Übergriffen. Als Lula Ann älter wird, sträubt sie sich gegen die Erziehung der Mutter. Sie ändert ihren Namen, trägt ausschließlich strahlend weiße Kleidung, macht Karriere bei einer Kosmetikfirma, verliebt sich in einen Mann und befreit sich nach und nach von ihrer Vergangenheit.

Der neue Roman der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, Gott, hilf dem Kind, handelt von einem Kind, das ohne mütterliche Zuneigung aufwächst und sich diese teuer erkaufen muss. Ein Buch über die Auswirkungen einer fatalen Vergangenheit, die bis in eine schwierige Gegenwart reichen. Es beginnt mit der Geburt von Lula Ann. Schnell wird Sweetness klar, dass etwas nicht stimmt mit ihrem Kind.

Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz. Ich habe eine hellere Haut und gutes Haar, so wie die von uns, die wir die Gelben nennen, und Lula Anns Vater ist genauso. In meiner Familie gibt es niemanden, der auch nur annähernd diese Farbe hat. Teer ist der beste Vergleich, der mir einfällt, aber ihr Haar passt nicht zu dieser Haut. Es ist anders – glatt, aber lockig wie bei diesen nackten Stämmen in Australien. Man könnte sie für einen Rückfall halten, aber wohin?

In einem ersten Anfall von Abscheu versucht Sweetness ihr Neugeborenes zu ermorden, was ihr aber trotz ihrer Abneigung nicht gelingt. Ihr Mann verlässt sie, da er sich betrogen fühlt, so dass sie Lula Ann alleine großziehen muss. Diese Grundkonstellation ist zunächst einfach: Eine schwarze Mutter muss ein unerwünschtes Kind in einer Gesellschaft, die von Rassismus geprägt ist, alleine großziehen. Sweetness erzieht ihr Kind streng, schenkt ihr keine Liebe oder Zuneigung, mit dem Ziel, sie gegen kommende Anfeindungen abzuhärten. Lula Ann soll lernen, nicht aufzufallen, keinen Ärger zu machen – ihre Farbe ist Kreuz genug und wird sie ihr Leben lang begleiten. Das Kind leidet unter der rigorosen Erziehung und sehnt sich nach mütterlicher Liebe. Für eine liebevolle Berührung der Mutter würde Lula Ann fast alles tun, was letztlich fatale Folgen hat. Bei einem Gerichtsprozess gegen eine Lehrerin spielt sie eine tragende Rolle und wird der Erwartungshaltung gerecht, was dazu führt, dass ihre Mutter zum ersten Mal stolz auf sie ist und sich nicht für sie in der Öffentlichkeit schämt.

Voller Abscheu war ihr Gesicht, wenn sie mich baden musste, als ich noch klein war. Eigentlich spülte sie mich nur ab, nach einem halbherzigen Rubbeln mit einem eingeseiften Lappen. Ich betete, dass sie mir eine Ohrfeige geben oder mich schlagen würde, nur damit ich ihre Berührung spüren konnte. Ich machte absichtlich kleine Fehler, aber sie fand Wege, mich zu bestrafen, ohne dabei die Haut zu berühren, die sie hasste.

Als junge Frau, mittlerweile nennt sich Lula Ann Bride, ist von der Zurückhaltung, die ihr die Mutter beigebracht hat, oberflächlich betrachtet nicht mehr viel übrig. Sie ist Abteilungsleiterin einer Kosmetikfirma, kreiert ihre eigenen Produkte und kleidet sich ausschließlich in strahlend weiße Kleider, wodurch sie überall auffällt. Ihre Beziehungen zu Männern sind zumeist kurz und ohne Tiefe. Immer noch ist sie auf der Suche nach einer ernstgemeinten liebevollen Berührung, die ihr schon von der Mutter verweigert wurde. Als ihr Freund Booker sie mit den Worten „Du bist nicht die Frau, die ich will“ verlässt, verändert sich etwas in Bride. So begibt sich auf die Suche nach Booker, aber noch viel mehr auf die Suche nach sich selbst, was sie auch mit ihrer eigenen Vergangenheit und der damit verbundenen Schuld konfrontiert.

Toni Morrison lässt die Geschichte immer aus wechselnden Perspektiven erzählen, wobei Bride dabei am meisten Raum eingeräumt wird. Dabei geht die Autorin nicht chronologisch vor, wodurch sich das Geflecht aus Handlungen und Beziehungen erst nach und nach auflöst und manches durch die unterschiedlichen Sichtweisen im späteren Verlauf der Handlung eine neue Bedeutung erhält. Alle Figuren begehen etwas Unrechtes, doch dahinter steht immer selbst erfahrenes Leid. Toni Morrison macht diesen Kreislauf sichtbar. Die Wahl, verschiedene Figuren aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen, erweist sich für dieses Anliegen als gute Wahl, da so alle Sichtweisen dargestellt werden können und kein einseitiges Bild entsteht.

Die Form von Rassismus, die Toni Morrison in Gott, hilf dem Kind zeigt, ist subtil. Hier geht es darum, dass der Rassismus von den Betroffenen selbst übernommen wird und im Fall von Sweetness und Lula Ann auf die nächste Generation übertragen wird. Sweetness passt sich dem dahinter stehenden System von Diskriminierung und Unterdrückung an. Statt Aufbegehren erfolgt die Anpassung. Und obwohl Lula Ann als Bride Karriere macht und scheinbar aus dem Kreislauf ausbricht, wird der Grund für ihren Erfolg von ihrem Berater Jeri so beschrieben:

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Was Bride und Booker miteinander verbindet, sind Kindheits-Traumata. Sie ist ohne Mutterliebe aufgewachsen, während er den Missbrauch und die Ermordung des älteren Bruders nicht verarbeiten kann. Die Suche nach Booker wird für Bride zu einer Reise, die sie sowohl geistig als auch körperlich verändert, wobei Toni Morrison hier magische Elemente mit ins Spiel bringt.

In Gott, hilf dem Kind erzählt Toni Morrison schnörkellos und aus verschiedenen Perspektiven von Scham, Schuld und Rassismus. Anhand von Bride und ihrer Mutter zeigt sie, wie Betroffene sich der systematischen Gewalt anpassen und wie schwer es dabei ist, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Und obwohl es dabei oft düster zugeht, zeigt der Roman letztlich doch Hoffnung.

Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.

Ob es bei der Hoffnung bleibt, wird die Zukunft zeigen. Gott, hilf dem Kind, ein wichtiges Buch, egal zu welcher Zeit, aber gerade jetzt umso wichtiger.

Auch Sätze & Schätze, masuko13 und leseschatz haben den Roman besprochen.

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Werk finden sich auf der Seite des Rowohlt Verlags.

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4 Gedanken zu “Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

  1. „Diese Grundkonstellation ist zunächst einfach: Eine schwarze Mutter muss ein unerwünschtes Kind in einer Gesellschaft, die von Rassismus geprägt ist, alleine großziehen.“
    Ich verstehe nicht ganz, in dem Zitat darüber klingt es sehr danach, dass die Mutter nicht schwarz, sondern weiß ist…? Ansonsten klingt es nach einem sehr interessantem Buch 😀
    Lg Moana

    Gefällt 1 Person

  2. Das klingt wirklich gut. Das Buch hat schon länger mein Interesse geweckt und deine schöne Rezension hat mich jetzt endgültig überzeugt , mir das Buch zu besorgen. Danke für deine ausführliche Bewertung. Ich bin jetzt schon ganz gespannt auf die Geschichte und wie sie mir gefallen wird.
    Liebe Grüße, Julia

    Gefällt 1 Person

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