Fridolin Schley liest aus seiner Novelle „Die Ungesichter“

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Was passiert, wenn ein Autor und ein 20-jähriges somalisches Flüchtlingsmädchen aufeinander treffen? Lässt sich ihr Schicksal überhaupt in Worte fassen? Kann der Autor ihre Geschichte erzählen, ohne sie zu seiner eigenen zu machen?

Als Fridolin Schley auf Amal* (so heißt sie in seiner Novelle) trifft, ist sie zwanzig Jahre alt und ihre Flucht von Somalia nach Deutschland schon fünf Jahre her. Dennoch ist es alles andere als leicht für die junge Frau, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Im Rahmen des Projekts „Die Hoffnung im Koffer“ von Refugio München, einer Beratungs- und Behandlungsstelle für Geflüchtete, wollen deutsche Autoren gemeinsam mit Geflüchteten deren Geschichten zu Papier bringen. Etwa sieben Seiten soll ein Text für den Sammelband lang sein – Fridolin Schleys Sitzungen mit Amal sind jedoch so ergiebig und überwältigend, dass es letzten Endes 100 werden. Eine ganze Novelle.

Die Ungesichter begleitet Amal als Fünfzehnjährige auf ihrer Flucht vor den „Patronenmännern“ in Somalia, über die beschwerliche Reise mit zwei Schleppern nach Europa, Vergewaltigungen, Zwangsarbeit und Zwangsehe erduldend, über das Auffanggefängnis in der Ukraine hinweg bis zur Ankunft nach Deutschland. Es ist ein harter Weg, auf dem Amal an ihre Grenzen stößt und kurz davor ist, den Verstand zu verlieren. Als sie Schley davon erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Sie spricht gehetzt, sie ist immer noch auf der Flucht, nicht mehr vor den Geschehnissen, sondern vor den Erinnerungen. Es ist für beide, für Amal und für Fridolin Schley, eine schwierige Aufgabe, sich diesen Erinnerungen zu stellen. Oft wollte Schley aufhören, wusste nicht, wie er ihre Geschichte zu Ende bringen kann. Doch Das Schreiben fiel ihm letztendlich leichter als das Zuhören. Während des Schreibprozesses war er imstande, eine gewisse Distanz zu den Grausamkeiten aufzubauen.

Als er eine Passage aus Die Ungesichter liest, ist davon aber nichts zu spüren. Schley, Typ Schwiegermutterliebling, liest zwar mit freundlicher, sympathischer Stimme, doch seine geschriebenen Worte sind rastlos, zerhackt, gehetzt – genau wie Amal ihm ihre Geschichte erzählt hatte, genau wie sie sich auf der Flucht gefühlt hatte. Die Quintessenz der Flucht war für Amal, „dass man nie zur Ruhe kommt“, und das tut Schley nicht, und dadurch auch nicht der Leser bzw. Zuhörer. Es gibt keinen Absatz auf den 100 Seiten, der einzige Punkt in der Novelle sitzt ganz am Ende. Auch wenn er eigentlich am liebsten gar keinen gemacht hätte, denn Amals Geschichte ist mit ihrer Ankunft in Deutschland ja nicht zu Ende. Diesen Rhythmus umzusetzen war für Schley „die entscheidende Herausforderung“ seiner Arbeit. Eine klassische Erzählweise hätte für ihn nicht funktioniert, hätte niemals das transportieren können, was er sich vorgestellt hat. So kommt es, dass das Zuhören eine unglaubliche Beklommenheit auslöst, dass man sich selbst gejagt fühlt, dass man Schritt für Schritt wirklich an Amals Seite zu sein scheint.

Die Ungesichter ist aber nicht zu einhundert Prozent Amals Buch. Das liegt zum Einen daran, dass ihr einige Erinnerungen an die Flucht fehlen. Sie weiß nicht mehr, was sie sechs Monate lang jeden Tag im ukrainischen Gefängnis gemacht hat – dafür erinnert sie sich aber ganz genau an den großen Riss in der Decke des Duschraums dort. Hier muss Schley nun einspringen. Durch gezielte Recherche von Dokumentationen, Fotografien und Berichten sammelt er Details über Fluchtrouten, Zwischenstationen, Auffanggefängnisse etc. und ergänzt so Amals Erzählungen, um sie noch lebendiger für den Leser machen zu können. Wo sich keine Informationen finden lassen, muss Schleys Fantasie aushelfen. Er schätzt, dass 50 Prozent der Novelle Amals eigene Erinnerungen sind, die restlichen 50 Prozent seine eigene Recherche und Imagination. Auch durch seine Nutzung stilistischer Mittel, also dem Fehlen von Punkten sowie Absätzen, dem gehetzten Rhythmus, der Tonalität, lässt Schley natürlich auch viel von sich in die Novelle einfließen, das ist einfach unvermeidbar. Er sagt selbst: „Es wäre ja anmaßend zu sagen, ich kann jetzt die Wahrheit von Amal erzählen. Egal, wie ich es schreibe, egal, welche Entscheidungen ich treffe, es wird immer ein von mir geschriebenes, in großer Distanz letztlich entstandenes fiktionales Werk bleiben.“

Fridolin Schley spricht gerne über seine gemeinsame Arbeit mit dem Flüchtlingsmädchen Amal, sei es von sich aus oder auf Nachfragen des Moderators bzw. des Publikums. Sie haben immer noch E-Mail-Kontakt, Amal schreibt ihm, wenn sie für ihre Deutschkurse lernt oder berichtet von ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Sie hat Schley sogar zu ihrer Abschlussfeier eingeladen. Das was jetzt wichtig für sie ist, ist die Gegenwart und die Zukunft. Über ihre Vergangenheit möchte sie nicht länger nachdenken. Schley glaubt, dass Amal sein Buch gar nicht wirklich gelesen habe, vermutlich zu traumatisiert ist und endlich damit abschließen möchte. Dennoch – falls, sie sich irgendwann dazu entschließen sollte, den Menschen von ihrem Erfolg in Deutschland zu berichten, von ihrem Leben nach der Flucht, wäre der Autor glücklich, noch einmal mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. „Eine Fortsetzung wäre ungeheuer reizvoll,“ sagt er. Und vermutlich auch eine deutlich freudigere Arbeit.

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