Hendrik Otremba – Über uns der Schaum

Über uns der Schaum

In seinem Debütroman Über uns der Schaum versucht sich Hendrik Otremba an einer Genremischung und hat dabei einige gute Ideen. Das Buch scheitert aber an einem fragwürdigen Frauenbild, wenig sprachlicher Abwechslung und Logikfehlern.

Der drogenabhängige Detektiv Joseph Weynberg erhält von einem Mafiosi den Auftrag, eine Frau, Maude Anandin, zu finden. Maude ist das Ebenbild von Weynbergs verstorbener Liebe Hedy. Statt sie seinem Auftraggeber zu übergeben, flieht er mit Maude. Ihr Ziel ist die sagenumwobene Stadt Neu-Qingdao, wo sie Zuflucht suchen wollen. Auf ihrem Weg werden sie von Weynbergs Auftraggeber verfolgt und landen in einer surrealen Welt, wo der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmt.

Über uns der Schaum ist der Debütroman von Hendrik Otremba, dem Sänger der Band MESSER. Die Geschichte beginnt wie ein klassischer Detektivroman: Weynberg erhält von Gustav Lang den Auftrag, Maude Anandin zu suchen und zu ihm zu bringen. Doch Maude, eine Edelprostituierte, ähnelt seiner bereits verstorbenen Liebe Hedy so sehr, dass Weynberg sich entschließt, ihr zu helfen und gemeinsam mit ihr zu fliehen. Weynberg selbst ist ein Junkie, der sich kaum über Wasser halten kann und daher den Auftrag dankend annimmt. Seine Droge ist Portobin, dank der er sich stark fühlt und versucht, seine Trauer um Hedy zu verdrängen. Die Welt, die Otremba entwirft, liegt in der Zukunft und ist eine Mischung aus Apokalypse und Dystopie. Immer wieder wird saurer Regen erwähnt, der die Menschen umbringt und außerhalb von Städten ist das Leben fast unmöglich.

Maude Anandin war keine Hure. Manchmal ging sie mit, wie ich später herausfinden sollte. […] Maude aber war nicht käuflich, sie tat, was sie wollte und nahm sich das Geld. Die Menschen reagierten wie hypnotisiert auf sie. Ich ahnte es schon in diesem Moment, später sollte es sich bestätigen. Maude war mehr als eine Hure jemals verkörpern könnte. Maude war Sex und Gewalt, Macht, Maude war ein Geist, ein Phantom. Sie war die einzige ihrer Art!

Eigentlich bin ich ein großer Fan von solchen Szenarien. In Über uns der Schaum funktioniert es aber nicht. Erklärungen, wie die Welt so geworden ist, fehlen völlig, woher der saure Regen kommt, bleibt auch völlig unklar. Letztlich erfüllt das das Zukunftsszenario überhaupt keinen Zweck und hat auch keinen Einfluss auf die Handlung. Aber nicht nur das Szenario ist hier problematisch. Da wäre auch das vertretene Frauenbild: eine fleischgewordene Männerfantasie, wahnsinnig sexy, verrucht und stark. Gleichzeitig eine damsel in distress, die natürlich von einem Mann gerettet werden muss. Wer könnt das besser als Weynberg? Nachdem sie entführt, vermutlich gefoltert und vergewaltigt wurde, kommt er zu ihrer Rettung. Nach einer kurzen Dusche ist sie natürlich sofort bereit für Sex mit ihrem fremden Retter. Solche Darstellungen sind sexistisch und frauenverachtend. Wie so etwas durchs Lektorat kommt, ist mir ein Rätsel.

Und eigentlich ist es Weynberg, der gerettet werden müsste. Vor seiner Drogensucht und seiner Trauer um Hedy. Denn alles, was er in Maude sieht, ist deren Ebenbild. Weynbergs Körper ist gezeichnet von Drogen und Verletzungen und auf ihrer Flucht kümmert Maude sich um ihn. Doch die Anwesenheit Maudes sorgt auch für eine langsame Heilung der seelischen Wunden. Die Flucht, wie auch der ganze Roman, gestaltet sich actionreich. Verfolgungen, Schießereien und andere Kämpfe gibt es zuhauf. Auch hier hat Otremba eine gute Idee, deren Umsetzung nur mangelhaft gelingt. Nachdem eine Person gestorben ist, werden ihre letzten Minuten aus deren Ich-Perspektive geschildert. Problem daran ist, dass alle gleich sind. Egal ob Polizist oder Mafia-Handlanger, alle klingen letztlich gleich und sind von Flüchen gekennzeichnet und wenig abwechslungsreich.

Doch das ist ein generelles Problem des Romans. Einige Ideen des Autors könnten wirklich gut sein, werden dann aber unbefriedigend umgesetzt. Ein weiteres Beispiel dafür ist Weynbergs verstorbene Hedy. Sie wird oft von ihm erwähnt und ist Motivation für seine Handlungen und Entscheidungen, aber was genau da passiert ist, bleibt offen. Eigentlich wollte Weynberg auch nicht Detektiv, sondern Dichter werden, weshalb jedem Kapitel kurze Dichtungen von ihm vorangestellt sind, deren Qualität aber überschaubar bleibt:

Das ist die Arbeit, das ist der Preis
So geht’s bei Detektiven
Eine Pflanze wächst im Kleiderschrank
Nimm dich in Acht vor ihren Trieben

Was Über uns der Schaum völlig fehlt und den Roman noch retten könnte ist Ironie. Doch beim Lesen entsteht der Eindruck, dass alles wirklich ernst gemeint ist: Das Frauenbild, die an Survival-Games erinnernde Reise von Weynberg und Hedy und die apokalyptische Welt ohne Erklärungen. Auch sprachlich ist der Roman alles andere als überzeugend. Zwischen derben Ausdrücken und sich wiederholenden letzten Minuten aus der Perspektive der Sterbenden ist auch die Beschreibung der äußeren Umgebung ohne Abwechslung. Städte sind grundsätzlich alle grau und nicht viel mehr:

Wir blickten nun in ein weites Tal, und vor unseren Augen tat sich das Panorama, der ganzen Stadt auf. Grau war sie, grau und verlassen.

In einer anderen Stadt heißt es dann:

Sie war grau, jede Stadt war grau.

Etwas mehr Abwechslung in der Wortwahl wäre zumindest wünschenswert, wenn schon alles gleich grau aussieht. Dazu gesellen sich auch Logikfehler, an einer Stelle seufzt eine Figur, während sie gleichzeitig schwer ausatmet, was eigentlich ein und dieselbe Handlung ist.

Letztlich ist bei mir nichts Positives von diesem Roman hängengeblieben. Fragwürdige Frauenbilder, Szenarien, die keine Funktion erfüllen und einige gute Ideen mit mangelhafter Umsetzung. Da das Ganze zudem völlig Ironie-frei erzählt wird und auch sprachlich wenig ansprechend daherkommt, eine absolute Enttäuschung.

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