Sylvain Neuvel – Giants. Zorn der Götter.

Processed with VSCO with a5 preset

Sylvain Neuvels zweiter Giants-Teil, Zorn der Götter, ist, wenn überhaupt möglich, noch temporeicher und handlungsstärker als sein Vorgänger. Mit gewohntem Sarkasmus und kreativer Erzählweise lässt er seine Leser nur so durch die Ereignisse der drohenden Apokalypse rasen.

Neun Jahre nachdem Dr. Rose Franklin und ihre Crew den Roboter Themis erforschten, taucht plötzlich ein zweites, noch größeres Exemplar mitten in London auf. Sie nennen ihn Kronos. Dr. Franklin, die Themis-Piloten Kara und Vincent sowie der Rest der Erdverteidigungstruppen sind ratlos: Warum steht der Roboter dort und worauf wartet er? Ist er in freundlicher oder feindlicher Mission gekommen? Während die Protagonisten neues über ihre Vergangenheit erfahren, soll Kronos allerdings nicht der letzte Besucher sein, den es auf die Erde verschlägt. Als weitere Roboter überall auf der Welt verteilt auftauchen, steigt die Bedrohung für die gesamte Menschheit an.

– Vor weniger als zwölf Stunden hat die Regierung der Vereinigten Staaten an der mexikanischen Grenze über sechshundert Menschen niederschießen lassen. Es waren unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder, Familien, die Zuflucht gesucht haben.

– Ist das aus uns geworden?

– Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt.

Zorn der Götter ist, wie auch schon sein Vorgänger Giants – Sie sind erwacht, kein traditionell erzählter Science Fiction-Roman, sondern besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen, Protokollen und Aufzeichnungen aller Art. Eine kreative Erzählweise, die enorm zum Tempo des Buchs beiträgt: es ist direkter, schneller und lebendiger als ein klassisches Stück Prosa. Hinzu kommt, dass Neuvel eine sehr handlungsstarke Geschichte geschaffen hat, ein Pageturner im besten Sinne des Wortes, noch actionreicher als Band 1. In jedem Kapitel folgt eine neue Entdeckung, eine neue Enthüllung, ein neues Ereignis oder ein neuer Plottwist. Immer, wenn ich eine kurze Pause machen, oder gar für den Rest des Tages mit dem Lesen aufhören wollte, konnte ich es einfach nicht aus der Hand legen, da die Spannung buchstäblich von Anfang bis Ende aufrecht erhalten wird. Diese Kombination aus der Unmittelbarkeit seiner Darstellung sowie der extrem starken Handlung führte dazu, dass ich das Buch in nicht einmal 48 Stunden verschlungen habe – und ich habe jede Minute davon genossen.

Generell bin ich begeistert von Neuvels Ideen, von seinem Einfallsreichtum. Noch einmal zur Erinnerung: ich lese sonst nie Science-Fiction, bin also kein besonders belesener Experte auf diesem Gebiet. Der Roboter, der in London auftaucht und alle Ereignisse, die damit zusammenhängen, sowie die weiteren Entwicklungen dessen waren wahnsinnig interessant. Ebenso wie das, was mit Dr. Rose Franklin zwischen Band 1 und Band 2 geschehen ist, oder der neu eingeführte Charakter und seine Hintergrundgeschichte. Die Handlung ist dieses Mal deutlich brutaler und düsterer als im ersten Band. Gleichzeitig schreibt Neuvel aber wieder mit seinem gewohnten Humor, der sich durch die gesamte Reihe zieht: sarkastische Bemerkungen scheinen das Spezialgebiet sämtlicher Protagonisten zu sein.

– Dann ist zu vermuten, dass sie irgendwie durch die Zeit gereist ist. Das klingt für mich genauso wenig plausibel. Ehrlich gesagt, mangelt es mir an einer Erklärung, die nicht ins Reich der Sience-Fiction fällt.

– Zeitreisen! Ja, ich bin mit meinem DeLorean zu ihr gefahren und habe sie gefragt, ob sie Lust auf eine Spritztour mit hunderteinundvierzig Stundenkilometern hat.

Politische Intrigen und Verschwörungen rücken mittlerweile fast gänzlich in den Hintergrund und machen Platz für einen größeren und entscheidenderen Konflikt: den zwischen der Menschheit und den Außerirdischen, die die Roboter zur Erde gesandt haben. Der Fokus liegt nunmehr nicht mehr auf der Entdeckung und Erforschung eines unbekannten Objekts (dem Roboter Themis), sondern auf dem drohenden Ende der Welt, der potenziellen Vernichtung der Menschheit. Ebenfalls Neuland sind lehrreiche Gespräche zum Thema Genetik, die für mich als Geisteswissenschaftlerin zum Glück aber recht leicht verständlich und nachvollziehbar waren.

– Verstehen Sie, was ich sagen will? Wir sind so dicht dran zu verstehen, wie das Leben entstanden ist. Wie man aus einem Ding etwas Belebtes macht. Es ist…

– Faszinierend?

– Nicht nur faszinierend. Es ist Ehrfurcht gebietend. Es ist… die Genesis.

– Es berührt Sie.

– Ja…

Ich muss gestehen, dass ich kein großer Freund von Fortsetzungen bin. Meistens gefallen mir zweite Bände nicht mehr so gut wie die ersten, ich finde die Handlung schwächer und habe oftmals das Gefühl, dass der „Zauber“ aus Band 1 verflogen ist. Zum Teil merkt man als Leser natürlich auch, wenn eine Fortsetzung nicht von Anfang an geplant war, sondern lediglich nach dem Erfolg eines Buches geschrieben wird, um noch mehr Geld aus der ganzen Sache herauszuholen. Sylvain Neuvel sagte in einem Interview, dass er den Plot für Giants – Zorn der Götter schon bei Beendigung seines ersten Bandes Giants – Sie sind erwacht fertig durchdacht hatte. Das macht sich bemerkbar, denn der zweite Band steht dem ersten in nichts nach. Er ist ein unglaublich gelungener Nachfolger und ich kann es, auch, da Band 2 wieder mit einem grandiosen Cliffhanger endet, überhaupt nicht abwarten, dass Neuvel Band 3 beendet. (Er schreibt noch daran – er soll allerdings erst im Frühjahr 2018 erscheinen.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s