Max Porter – Trauer ist das Ding mit Federn

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Die Krähe als Trauertherapeut: Max Porters Debütroman Trauer ist das Ding mit Federn beschäftigt sich auf eine außergewöhnliche Art mit dem Tod einer geliebten Person und der Bewältigung der unermesslichen Trauer.

Moving on, as a concept, is for stupid people, because any sensible person knows grief is a long-term project.

Als die Ehefrau des nur als Dad bekannten Protagonisten einen plötzlichen Unfalltod stirbt, bricht für ihn und seine beiden Söhne eine Welt zusammen. Doch schnell tritt ein anderes Wesen in ihr Leben: die Krähe. Sie bleibt bei der Familie und unterstützt sie in ihrer Trauer, bis sie die Krähe nicht mehr brauchen. Bis dahin erzählen abwechselnd der Vater, die Söhne sowie die Krähe aus ihrem gemeinsamen Alltag.

Once upon a time there was a demon who fed

on grief. The delicious aroma of raw shock and

unexpected loss came wafting from the doors and

windows of a widower’s sad home.

Trauer ist das Ding mit Federn von Max Porter ist mit 128 Seiten ein äußert kurzes literarisches Debüt, allerdings auch ein ganz besonderes. Es ist weder Roman noch eine ‚richtige‘ Erzählung. Kapitel aus der Sicht der Krähe, der Jungs und des Vaters reihen sich aneinander, sind manchmal beobachtend, mal poetisch bis lyrisch. Manchmal wird über den Tod philosophiert, ein anderes Mal über das Leben. Nicht immer ist sofort klar, ob es sich um Realität oder Traum handelt, besonders in den Kapiteln der Jungs. Die Krähe versucht sich gerne an Allegorien, die dann doch wenig hilfreich sind oder auch komplett aus dem Ruder laufen.

Die Krähe ist einer der wunderbarsten literarischen Charaktere, die mir in der letzten Zeit begegnet sind. Sie ist viel größer als eine normale Krähe, hat einen wirklich seltsamen Humor, liebt es, mit Worten zu spielen und ist, trotz ihrer Intelligenz und Weisheit, auch ziemlich verrückt. Als sie eines Abends an der Tür klingelt, kündigt sie an: I won’t leave until you don’t need me anymore. Das klingt erst einmal mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen. Doch nach und nach bemerken der Vater und seine Söhne, dass die Anwesenheit der Krähe ihnen dabei hilft, den Alltag ohne Mutter zu bewältigen, die Leere zu akzeptieren und mit ihrer Trauer zurechtzukommen.

I missed her so much that I wanted to build a

hundred-foot memorial to her with my bare hands. I

wanted to see her sitting in a vast stone chair in Hyde

Park, enjoying her view. Everybody passing could

comprehend how much I miss her. How physical

my missing is. I miss her so much it is a vast golden

prince, a concert hall, a thousand trees, a lake, nine

thousand buses, a million cars, twenty million birds

and more. The whole city is my missing her.

 

Eugh, said Crow, you sound like a fridge magnet.

Überwältigende Emotionen und der sehr spezielle Humor der Krähe liegen oft so nah beieinander, dass man gar nicht weiß, ob man nun weinen oder lachen soll, vielleicht beides nacheinander oder auch gleichzeitig. Die Krähe ist ein vielseitiges Symbol: sie ist ein Omen des Todes und der Veränderung, verkörpert aber auch den weisen Wanderer, der verirrten Wandersleuten (dem Vater und seinen Söhnen) den Weg weist. In der keltischen Mythologie überbringt die Krähe Botschaften aus der Anderswelt bzw. aus dem Jenseits. Im indianischen Horoskop steht die Krähe für Ausdauer, Spontaneität und Erfindungsreichtum – alles Eigenschaften, die auch die Krähe in dieser Geschichte vereint. Allen voran allerdings ist die Krähe eine Erfindung des englischen Dichters und Schriftstellers Ted Hughes, der einen Gedichtband namens Crow: From the Life and Songs of the Crow (1970) geschrieben hat. Porters Titel ist übrigens eine Modifikation von Emily Dickinsons Gedicht Hope is the thing with feathers (zu Deutsch: Die Hoffnung ist das Federding).

MAN I would be done grieving?

BIRD No, not at all. You were done being hopeless.

Grieving is something you’re still doing, and

something you don’t need a crow for.

Max Porter zeigt uns in seinem kurzen, aber dennoch bedeutungsvollen und emotionalen Roman Trauer ist das Ding mit Federn die verschiedenen Arten der Trauer und ihrer Bewältigung. Leben und Tod, Verzweiflung und Witz stehen sich direkt gegenüber. Vor allen Dingen der unglaublich kreative und gelungen konstruierte Charakter der Krähe sticht hervor und hindert durch seine Skurrilität das ein oder andere Mal die Tränen am Fallen – zumindest, bis sich das Weinen in der Schlussszene nicht mehr länger vermeiden lässt. Ein berührendes, trauriges, lustiges und im allerbesten Sinne merkwürdiges kleines Büchlein, das uns zeigt, dass auch Trauer und Schmerz ihre Zeit brauchen.

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