Simon Strauß – Sieben Nächte

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Viel besprochen, heiß begehrt, als Roman einer Generation betitelt – Kann Sieben Nächte, das allererste Werk von Simon Strauß, über das Begehen der sieben Todsünden dem Hype gerecht werden?

S., dem Protagonisten des Romans, graut es vor der Zukunft, vor einer Festanstellung, vor dem Käfig namens eigene Familie. Er ist kurz davor, 30 zu werden und sieht in dieser Zahl eine maßgebliche Schwelle: erwachsen zu werden, sich von dem Leben und dem Alltag in die Knie zwingen zu lassen. Als ihm ein Bekannter das Angebot macht, jede Nacht eine der sieben Todsünden zu begehen und im Anschluss darüber zu schreiben, zögert er nicht lange. Er stellt sich Hochmut, Völlerei, Habgier, Neid, Faulheit, Wollust und Jähzorn, um aus seinem langweiligen Leben auszubrechen.

Deshalb diese Nacht. Deshalb dieses Schreiben. Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt.

Zur Zeit ist kaum ein Buch so viel besprochen wie Simon Strauß‘ Debütroman Sieben Nächte. Simon Strauß, der Sohn von Dramatiker und Essayist Botho Strauß, wird von vielen Literaturbloggern gefeiert, aber kaum ein Text übertrifft die immense Lobhudelei in der ZEIT von Autor und Strauß-Fanboy Florian Illies.

Es beginnt mit einer Art Prolog, der den Leser in die Situation des Erzählers einführt, bevor sich je ein Kapitel mit einer der sieben Sünden beschäftigt. Während in dem Prolog noch eine ausufernde Sprache vorherrscht, über das Leben, die Sehnsucht, den Mut und Offenheit philosophiert wird, sind die folgenden Kapitel deutlich nüchterner geschrieben. Mich haben gerade die ersten Seiten mit ihrer wundervollen Sprache so fasziniert und in den Bann gezogen. Danach wirkt es so, als hätte sich Strauß sprachlich keine Mühe mehr geben wollen, sondern einfach die sieben Sünden in ihren einzelnen Szenarien abgearbeitet. Einige Szenen wie zum Beispiel die Beobachtung eines jungen Vaters an der Rennbahn wirkten vor allen Dingen wie aus einer beliebigen halblustigen Großstadtkolumne: „Oh, schau mal, dieser spießige, Dinkelbrötchen-kauende junge Vater mit Vollbart und Club Mate in der Hand.“

Das hier ist ein erster und letzter Atemzug. Ein Warmlaufen für den großen Auftritt kurz vor Schluss. Es sind Anstiftungen, aber zugleich auch Abschiedszeilen. Geschrieben in der Nacht, um in der Nacht gelesen zu werden. Am besten in sieben verschiedenen. In ihnen steckt Mut. Sehnsucht. Und Angst. Geht vorsichtig mit ihnen um. Dann könnten sie etwas bedeuten.

Fast 30, fertig studiert und immerzu ein strebsamer Schüler bzw. Student gewesen – das ist der Erzähler. Er wartete schon viel zu früh am Klassenzimmer, nur um ein anerkennendes Nicken vom Lehrer für seine Pünktlichkeit zu erhalten. Immerzu ging es ihm darum, von anderen bemerkt, bewundert zu werden; ein Leben für die anderen statt für sich selbst. Dass er da auszubrechen versucht, ist nicht verwunderlich. Wie er das macht, ist jedoch fragwürdig. Sich von einem Hochhaus stürzen ist mutig, keine Frage, aber rund 20 Euro auf der Pferderennbahn zu verwetten ist kein besonders großes Risiko. Wieso hat der Erzähler nicht all seinen Besitz verkauft und sein gesamtes Vermögen im Casino aufs Spiel gesetzt? Egal, welche Sünde er begeht, er hängt fast immer an der Sicherheitsleine, nie wagt er wirklich etwas, obwohl er gleichzeitig an den Mut und die Leidenschaft der Menschen appelliert. Er jedoch bleibt in seiner kleinen Seifenblase, nach wie vor unangetastet und fernab von Risiko und Gefahr.

Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage. Richtig gelebt haben wir nie, nur immer das Ziehen in der Brust gefühlt bei der Frage, wie alt jemand war, als dieses Ereignis geschah, als jenes Werk geschaffen wurde.

Abgesehen davon sind auch nicht alle Kapitel besonders spannend oder tiefgründig. Das ein oder andere Mal schreibt Strauß noch davon, mehr zu träumen, mehr zu wagen und sich nicht den Konventionen zu beugen. Doch bei ihm bleibt der Traum der großen Revolution ein Traum. Er bleibt gefangen in seinem Spießertum. Wäre es nicht überzeugender gewesen, ein Ende zu kreieren, bei dem der Erzähler auch wirklich etwas verändert und schafft? Wenn die „Offenheit der Herzen“, die Volker Weidermann auf dem Buchrücken betont, schon darin besteht, in Zeiten von Vegetarismus und Veganismus mal so richtig ordentlich und für viel Geld Fleisch zu essen – ist das nicht traurig? Strauß ist nur zwei Jahre älter als ich, wir gehören zur selben Generation, aber so richtig identifizieren kann und möchte ich mich mit seinem Protagonisten nicht. Vielleicht liegt es an meinem Umfeld und meiner Erziehung, aber ich glaube, mein Herz war schon damals und ist auch heute noch offener als seines. Ich muss mich einer solchen Prüfung nicht unterziehen, ich habe nicht das Gefühl, noch nicht gelebt zu haben.

Noch sind alle munter und gut gelaunt. Aber nicht lange, in ein paar Stunden sind alle gegangen und nur das dreckige Austernbesteck ist noch übrig. Dann wird auch sie einsam sein und die Traurigkeit spüren, die alle kennen, denen die Zeit Wunden zugefügt hat.

Generell finde ich es jedoch gut, dass Strauß solch romantisch-revolutionäre Ansichten propagiert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einigen Menschen seine Appelle gut tun würden. Als Buch unserer Generation würde ich es aber nicht bezeichnen, eher als Milieuroman der Oberschichtkinder. Wer sich vor einer Festanstellung fürchtet, scheint noch nie großartige Geldsorgen gehabt zu haben.

Die Grundidee von Simon Strauß‘ Roman Sieben Nächte ist wirklich gut: ein Faust’scher Pakt, den sieben Todsünden zu begegnen. Doch an der Umsetzung ist es für mich ziemlich, wenn auch nicht völlig, gescheitert. Die großartige Sprache des Prologs wurde viel zu schnell wieder vernachlässigt und das Ende des Buchs wirkt inkonsequent. Es ist nett zu lesen, es hat einige zitierwürdige Passagen, aber Strauß hat sich viel zu wenig getraut. Es bleibt ein Seiltanz mit Sicherheitsnetz, das sich selbst dadurch leider der Überzeugungskraft beraubt.

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3 Kommentare zu „Simon Strauß – Sieben Nächte“

      1. Mich schreckt es ab, da es mir auf zu hohem Niveau klagt. Was du ja in dem einen Satz aufzeigst, in dem es um die Festanstellung geht. Ich möchte kein Buch lesen, in dem es um die Befindlichkeiten eines gewissen Milieus geht, wie Katherina es ja schon gut beschrieb.

        Gefällt 1 Person

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