Omar El Akkad – American War

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American War verlegt die Folgen von Bürgerkrieg, Flüchtlingen, Drohnenangriffen und Klimawandel in die USA der Zukunft und erzählt die Entwicklung eines Mädchens zur Terroristin. Schwächen weist die düstere Zukunftsvision in Hinblick auf gesellschaftliche Darstellungen auf.

Die USA im Jahr 2075: ein zweiter Bürgerkrieg zwischen dem „blauen“ Norden und dem „roten“ Süden um die Frage nach der Nutzung von fossilen Brennstoffen ist ausgebrochen. Zwar herrscht seit kurzem wieder ein brüchiger Frieden, doch Terroranschläge bedrohen den Waffenstillstand. Die junge Sarat Chestnut lebt mit ihrer Familie am Ufer des Mississippi in Louisiana, an der Grenze zum „Free Southern State“. Nach dem Tod des Vaters muss sie mit dem verbleibenden Rest der Familie in das Flüchtlingscamp Camp Patience fliehen. Dort trifft sie auf Albert Gaines, der immer auf Suche nach neuen Kämpfern für die Sache der Südstaaten ist.

American War ist der Debütroman des Journalisten Omar El Akkad, der in Kanada für The Globe and Mail arbeitete. Im Laufe seiner Arbeit als Reporter war er unter anderem als Kriegsreporter tätig und besuchte sowohl palästinensische Flüchtlingslager als auch Guantanamo. Seine Vision für die Zukunft der USA ist alles andere als positiv. Wie schon der erste Bürgerkrieg entzündet sich auch der Zweite aufgrund einer Regierungsentscheidung, die von den Südstaaten nicht akzeptiert wird und die daraufhin rebellieren, um ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Diesmal geht es aber nicht um die Abschaffung der Sklaverei, sondern um die Frage nach der Förderung und Nutzung von Erdöl, welche verboten werden soll. Denn nicht nur die politische Lage ist äußerst angespannt, auch das Klima hat sich verschlechtert. Durch den Anstieg der Meeresspiegel um knapp 60 Meter sind viele Küstengebiete verschwunden, oder wie im Falle von Florida komplett unter dem Meer. Der Krieg selbst wurde schnell durch die militärische Überlegenheit des Nordens entschieden. Dabei kam es auch zum Einsatz von biologischen Kampfstoffen, die im rebellierenden South Carolina eingesetzt wurden. Um ein Ausbreiten der Epidemie zu verhindern, wurde der gesamte Staat mit einer Mauer umschlossen und zu einem permanenten Quarantänegebiet erklärt, das niemand verlassen darf.

This isn’t a story about war. It’s about ruin.

In dieses Amerika wird zum Zeitpunkt des Waffenstillstands Sara T. Chestnut geboren, die alle aufgrund eines Behördenfehlers nur Sarat nennen. Der Prolog wird zunächst von einem Ich-Erzähler aus der Zukunft erzählt, der ein Professor für Geschichte mit dem Spezialgebiet zweiter Amerikanischer Bürgerkrieg ist. Erst am Ende kommt er wieder zu Wort und enthüllt seine Identität. Im Mittelpunkt der Handlung steht ganz klar die am Anfang sechsjährige Sarat, die nach dem Tod ihres Vaters acht Jahre in einem Flüchtlingslager leben muss. In ärmlichen Verhältnissen und abhängig von Hilfslieferungen aus dem Ausland. Denn auch die geopolitische Situation hat sich in der Zukunft deutlich verändert. Neben China ist das sogenannte Bouazizireich zur Supermacht aufgestiegen, das sich aus den nordafrikanischen Staaten nach dem fünften Arabischen Frühling gebildet hat und sich bis nach Asien erstreckt. Der eigentliche Auslöser des Krieges, die Frage nach der Nutzung von Erdöl, spielt für Sarat keine Rolle mehr. Eigentlich spricht keine Figur mehr über dieses Problem. Im Camp lernt Sarat einen Mann mit Namen Albert Gaines kennen, der nach und nach ihren Hass auf den Norden aufbaut und sie zur kalten Killerin macht.

„Stop talking about them,“ Sarat said. “I don’t wanna hear about them anymore. I don’t wanna read about them anymore or memorize their capitals or learn how they did us wrong.”
“Then what do you want to do?” Gaines asked.
“I want to kill them.”

American War steht und fällt mit Sarat. Sie ist der bestimmende Charakter des Ganzen, auf den der Autor seinen ganzen Fokus legt. Das klappt gerade am Anfang bis ungefähr zur Mitte des Buches sehr gut. Die ersten Jahre zeigen sie als ein naives junges Mädchen, das aufgrund seiner Größe unter gleichaltrigen auffällt und im Gegensatz zur Schwester über kein schönes Äußeres verfügt. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, das sich für die Natur und deren Funktionsweisen interessiert und mit ihren Fragen der Mutter auf die Nerven geht. Von Anfang an ist sie anders als die übrigen Kinder in ihrem Alter und spätestens in Camp Patience entwickelt sie ein immer größeres Empfinden für Ungerechtigkeit, was schließlich nach persönlichen Verlusten in tiefen Hass gegenüber dem Norden umschlägt und sie zu einer Guerilla-Kämpferin werden lässt. Sie ist eine einsame Kämpferin. Sie ist eine Entwurzelte, die keine Hoffnung mehr hat und den Glauben an das Gute verloren hat. Ihr einziges Motiv ist Rache, was der Autor auch nicht müde wird zu wiederholen. Sowohl die kindliche Naivität und Neugier als auch die Entwicklung hin zur leeren und kalten jungen Frau kann El Akkad glaubhaft darstellen. Diese Entwicklung gelingt nicht nur auf der inhaltlichen Ebene sondern genauso gut auf der sprachlichen Ebene, die auch variiert wird. Doch je mehr es dem Ende zugeht, desto größer sind die zeitlichen Abstände zwischen den Abschnitten und die Darstellung zu lückenhaft. Dennoch ist das Ende absolut konsequent und Sarat als Figur die größte Stärke des Romans. Durch den Fokus auf Sarat kommen Kriegshandlungen, Klimakatstrophen und Politik eher am Rande vor und sind nicht das wesentliche Thema des Romans. Vielmehr ist es eine Entwicklungsgeschichte, nur eben umgekehrt als gewöhnlich. Hier entwickelt sich ein eigentlich glückliches Kind zu einer kalten Terroristin, deren Handeln ausschließlich vom Rachemotiv geleitet wird.

Durch die Fokussierung auf Sarat ergeben sich aber Schwächen, die nicht verschwiegen werden sollen. Am auffälligsten ist das Ignorieren der Rassenkonflikte. Schwer vorstellbar, dass die damit verbundenen Probleme und Fragen sich bis zum Jahr 2075 einfach so erledigt haben und überhaupt keine Rolle mehr spielen. Andere gesellschaftliche Fortschritte lassen sich dagegen überhaupt nicht feststellen. Ebenso werden mediale Entwicklungen fast komplett ausgeblendet. Internet und Handys scheinen nicht mehr zu existieren. Leider findet der Autor auf die Probleme keine Antwort, sondern klammert sie einfach nur aus.

Die Entwicklung der Auseinandersetzung stellt der Autor mithilfe von verschiedenen (fiktionalen) Dokumenten dar. Darunter finden sich Zeitungsausschnitte, Interviews, zensierte Briefe und einige mehr. Da sich der Roman einzig auf Sarat und somit die Sichtweise der Südstaaten konzentriert, sind diese Dokumente die einzige Möglichkeit, auch die Standpunkte der anderen Seite kennenzulernen.

„You know, before I practiced medicine, I wanted to become a mathematician. I was obsessed with very large numbers, and the way you can use them to tell secrets. But my father was a doctor, and he wanted me to study medicine. He used to say the only truly stable profession is blood work – the work of a surgeon, the soldier, the butcher. He said all industries rise and fall but as long there’s a single man still alive, there will always be use for blood work. And I suppose he was right.”

American War bietet mit Folterlagern, Drohnenangriffen, Terror und Flüchtlingen viele aktuell diskutierte Themen, verlegt sie in die USA der Zukunft und schafft so eine dystopische Vision. Die Stärke ist eindeutig die Hauptfigur Sarat, deren Entwicklung von einem neugierigen Mädchen zur von Rache angetriebenen jungen Terroristin hier nachgezeichnet wird. Darunter leiden allerdings das entworfene Gesellschafs- und Weltbild, die manche Fragen, wie die Entwicklung von Medien, Internet und Rassenkonflikten einfach ausblenden. So bleibt ein starker Hauptcharakter, der aber über die Mängel nicht hinwegtäuschen kann.

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3 Kommentare zu „Omar El Akkad – American War“

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