Zitat des Tages: Aus Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“

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Eigentlich war er ein Klumpen Fleisch, der sich durch die Welt tastete. Was er über sie wußte, wußte er vor allem durch seine Augen.Durch sie konnte er sich orientieren, Entscheidungen treffen, vermied er Zusammenstöße. Aber nichts und niemand konnte ihm garantieren, daß sie die Wahrheit sagten. Farbenblindheit war nur ein harmloses Beispiel für mögliche Unwahrheiten. Die Welt konnte so aussehen oder anders. Für ihn existierte sie auf eine einzige mögliche Weise, nämlich in der Form, die ihm seine Augen gestatteten. Sein Ich, das war ein blindes Etwas in einem Käfig. Sein Ich war alles, was sich innerhalb seiner Haut befand. Die Augen, sie gehörten dazu – und auch nicht.

Zitat des Tages: Aus Paul Austers „Winterjournal“

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Du kannst dich selbst nicht sehen. Du weißt, wie du aussiehst, Spiegeln und Fotos sei Dank, aber wenn du dich draußen in der Welt  unter deinen Mitmenschen bewegst, seien es Freunde, Fremde oder die innigst Geliebten, ist dein Gesicht für dich unsichtbar. Du kannst andere Teile von dir sehen, Hände und Füße, Schultern und Oberkörper, aber nur die Vorderseite, nicht die Rückseite, außer der Rückseite deiner Beine, wenn du sie in die richtige Position verdrehst, aber nicht dein Gesicht, nie dein Gesicht, aber letztendlich – zumindest soweit es andere betrifft – ist dein Gesicht doch, wer du bist, die wesentliche Tatsache deiner Identität. Pässe enthalten keine Fotos von Händen und Füßen. Selbst du, der du jetzt vierundsechzig Jahre in deinem Körper lebst, wärst wahrscheinlich nicht in der Lage, deinen Fuß auf einem einzelnen Foto deines Fußes zu erkennen, zu schweigen von deinem Ohr, deinem Ellbogen oder einem deiner Augen in Nahaufnahme. Alles so vertraut im Kontext des Ganzen, aber absolut anonym, wenn es Stück für Stück betrachtet wird. Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.

 

  • Paul Auster: Winterjournal.

Zitat des Tages: aus Salman Rushdies „Joseph Anton“

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© salmanrushdie.com

Verlässt ein Buch den Schreibtisch des Autors, verändert es sich. Noch ehe jemand anderes es gelesen hat, noch ehe der Blick eines anderen Menschen auch nur auf einen einzigen Satz fiel, hat es sich unwiderruflich verändert. Es wurde zu einem Buch, das gelesen werden kann, das nicht mehr allein seinem Verfasser gehört. Es besitzt nun gleichsam einen freien Willen und wird seine Reise durch die Welt antreten, dagegen kann der Autor nichts mehr machen. Ja, er selbst liest jetzt, da seine Worte von anderen gelesen werden können, die eigenen Sätze anders, sobald er einen Blick ins Buch wirft. Sie kommen ihm wie fremde Sätze vor. Das Buch ist hinaus in die Welt gegangen, und die Welt hat es umgestaltet.

Salman Rushdie – Joseph Anton.

Zitat des Tages: aus Reif Larsens „Die Karte meiner Träume“

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„Hast du schon mal Aids gehabt?“

Dr. Clair blickte auf. „Layton, was hast du denn dauernd mit Aids?“

„Ich weiß nicht“, sagte Layton. „Ich will’s nur einfach nicht kriegen. Angela Ashford hat gesagt, das ist schlimm, wenn man das kriegt, und dass ich’s wahrscheinlich schon habe.“

Dr. Clair sah Layton an. „Wenn Angela Ashford noch einmal so etwas zu dir sagt, dann antwortest du ihr, dass sie, nur weil es sie verunsichert, ein kleines Mädchen in einer Gesellschaft zu sein, die ein vernünftiges Maß an Druck auf kleine Mädchen ausübt, bestimmte physische, emotionale und ideologische Standards zu erfüllen – von denen viele unanständig, ungesund und selbstperpetuierend sind – , noch lange nicht das Recht hat, ihren fehlgeleiteten Selbsthass auf einen anständigen Jungen wie dich zu übertragen. Du magst ein inhärenter Teil des Problems sein, aber das heißt nicht, dass du nicht trotzdem ein anständiger Junge mit anständigen Manieren bist, und es heißt schon gar nicht, dass du Aids hast.“

„Ich weiß nicht, ob ich mir das merken kann“, sagte Layton.

„Dann sag ihr einfach, dass ihre Mutter eine versoffene Schlampe aus Butte ist.“

„Okay“, sagte Layton.

 

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Zitat des Tages: aus Jonathan Lees „Wer ist Mr. Satoshi?“

„Irgendwann sind wir alle alt. Ich werde jetzt schon alt. Ich will in dem Wissen sterben, dass ich mich Dingen geöffnet habe. Geschichtlichen Entwicklungen, Orten, Geheimnissen, verstehst du? Ich will mal zufrieden den Löffel abgeben, während ich gemütlich in einem Sessel in einem warmen Zimmer sitze, an einem sonnigen Scheißsamstag. Ein gutes Ende, das will ich. Du nicht?“

 

Jonathan Lee – Wer ist Mr. Satoshi?