Zitat des Tages: Aus Carlos Ruiz Zafóns „Der Schatten des Windes“

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Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glaubten, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wie viel wir lernen oder vergessen.

Carlos Ruiz Zafón, „Der Schatten des Windes“.

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Zitat des Tages: Aus Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“

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Eigentlich war er ein Klumpen Fleisch, der sich durch die Welt tastete. Was er über sie wußte, wußte er vor allem durch seine Augen.Durch sie konnte er sich orientieren, Entscheidungen treffen, vermied er Zusammenstöße. Aber nichts und niemand konnte ihm garantieren, daß sie die Wahrheit sagten. Farbenblindheit war nur ein harmloses Beispiel für mögliche Unwahrheiten. Die Welt konnte so aussehen oder anders. Für ihn existierte sie auf eine einzige mögliche Weise, nämlich in der Form, die ihm seine Augen gestatteten. Sein Ich, das war ein blindes Etwas in einem Käfig. Sein Ich war alles, was sich innerhalb seiner Haut befand. Die Augen, sie gehörten dazu – und auch nicht.

Zitat des Tages: Aus Paul Austers „Winterjournal“

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Du kannst dich selbst nicht sehen. Du weißt, wie du aussiehst, Spiegeln und Fotos sei Dank, aber wenn du dich draußen in der Welt  unter deinen Mitmenschen bewegst, seien es Freunde, Fremde oder die innigst Geliebten, ist dein Gesicht für dich unsichtbar. Du kannst andere Teile von dir sehen, Hände und Füße, Schultern und Oberkörper, aber nur die Vorderseite, nicht die Rückseite, außer der Rückseite deiner Beine, wenn du sie in die richtige Position verdrehst, aber nicht dein Gesicht, nie dein Gesicht, aber letztendlich – zumindest soweit es andere betrifft – ist dein Gesicht doch, wer du bist, die wesentliche Tatsache deiner Identität. Pässe enthalten keine Fotos von Händen und Füßen. Selbst du, der du jetzt vierundsechzig Jahre in deinem Körper lebst, wärst wahrscheinlich nicht in der Lage, deinen Fuß auf einem einzelnen Foto deines Fußes zu erkennen, zu schweigen von deinem Ohr, deinem Ellbogen oder einem deiner Augen in Nahaufnahme. Alles so vertraut im Kontext des Ganzen, aber absolut anonym, wenn es Stück für Stück betrachtet wird. Wir alle sind uns selbst fremd, und wenn wir irgendeine Ahnung haben, wer wir sind, dann nur, weil wir in den Augen anderer leben.

 

  • Paul Auster: Winterjournal.

Zitat des Tages: aus Jón Kalman Stefánssons „Das Herz des Menschen“

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©Iurie Belegurschi

 

Träume sind Lichter, die dem Menschen leuchten, sie sind Helligkeit, die ihn umgibt, ohne sie herrscht Finsternis; du weißt also, was kommt, wenn du aufhörst zu träumen, du weißt, woher die Finsternis im Herzen des Menschen kommt.

 

Jón Kalman Stefánsson – Das Herz des Menschen.

Zitat des Tages: aus Salman Rushdies „Joseph Anton“

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© salmanrushdie.com

Verlässt ein Buch den Schreibtisch des Autors, verändert es sich. Noch ehe jemand anderes es gelesen hat, noch ehe der Blick eines anderen Menschen auch nur auf einen einzigen Satz fiel, hat es sich unwiderruflich verändert. Es wurde zu einem Buch, das gelesen werden kann, das nicht mehr allein seinem Verfasser gehört. Es besitzt nun gleichsam einen freien Willen und wird seine Reise durch die Welt antreten, dagegen kann der Autor nichts mehr machen. Ja, er selbst liest jetzt, da seine Worte von anderen gelesen werden können, die eigenen Sätze anders, sobald er einen Blick ins Buch wirft. Sie kommen ihm wie fremde Sätze vor. Das Buch ist hinaus in die Welt gegangen, und die Welt hat es umgestaltet.

Salman Rushdie – Joseph Anton.

Zitat des Tages: aus Reif Larsens „Die Karte meiner Träume“

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„Hast du schon mal Aids gehabt?“

Dr. Clair blickte auf. „Layton, was hast du denn dauernd mit Aids?“

„Ich weiß nicht“, sagte Layton. „Ich will’s nur einfach nicht kriegen. Angela Ashford hat gesagt, das ist schlimm, wenn man das kriegt, und dass ich’s wahrscheinlich schon habe.“

Dr. Clair sah Layton an. „Wenn Angela Ashford noch einmal so etwas zu dir sagt, dann antwortest du ihr, dass sie, nur weil es sie verunsichert, ein kleines Mädchen in einer Gesellschaft zu sein, die ein vernünftiges Maß an Druck auf kleine Mädchen ausübt, bestimmte physische, emotionale und ideologische Standards zu erfüllen – von denen viele unanständig, ungesund und selbstperpetuierend sind – , noch lange nicht das Recht hat, ihren fehlgeleiteten Selbsthass auf einen anständigen Jungen wie dich zu übertragen. Du magst ein inhärenter Teil des Problems sein, aber das heißt nicht, dass du nicht trotzdem ein anständiger Junge mit anständigen Manieren bist, und es heißt schon gar nicht, dass du Aids hast.“

„Ich weiß nicht, ob ich mir das merken kann“, sagte Layton.

„Dann sag ihr einfach, dass ihre Mutter eine versoffene Schlampe aus Butte ist.“

„Okay“, sagte Layton.

 

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume

Zitat des Tages: aus Jonathan Lees „Wer ist Mr. Satoshi?“

„Irgendwann sind wir alle alt. Ich werde jetzt schon alt. Ich will in dem Wissen sterben, dass ich mich Dingen geöffnet habe. Geschichtlichen Entwicklungen, Orten, Geheimnissen, verstehst du? Ich will mal zufrieden den Löffel abgeben, während ich gemütlich in einem Sessel in einem warmen Zimmer sitze, an einem sonnigen Scheißsamstag. Ein gutes Ende, das will ich. Du nicht?“

 

Jonathan Lee – Wer ist Mr. Satoshi?

Zitat des Tages: aus Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“

Früher, als ich etwa so alt wie war wie du, Brilka, habe ich mich oft gefragt, was wohl wäre, wenn das kollektive Gedächtnis der Welt andere Dinge erhalten und wiederum andere verloren hätte. Wenn alle Kriege und alle diese unzähligen Könige, Herrscher, Führer und Söldner vergessen und nur Menschen in den Büchern blieben, die ein Haus mit eigenen Händen gebaut, einen Garten angelegt, eine Giraffe entdeckt, eine Wolke beschrieben und den Nacken einer Frau besungen hätten; ich habe mich gefragt, woher wir wissen, dass die, deren Name überdauert, besser, klüger, oder interessanter sind, nur weil sie der Zeit standgehalten haben – wo bleiben die Vergessenen?

Wir entscheiden uns dafür, an was wir uns erinnern wollen und an was nicht. Die Zeit hat damit nichts zu tun. Der Zeit ist das egal.

 

Nino Haratischwili – Das achte Leben (Für Brilka)

Zitat des Tages: aus Haruki Murakamis „Kafka am Strand“

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Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. […]Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist.

Haruki Murakami – Kafka am Strand.