Mathias Enard – Kompass

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Zwischen Orient und Okzident

Nachdem er eine schwerwiegende medizinische Diagnose erhalten hat, kann der Musikwissenschaftler Franz Ritter nur schwer schlafen. Während er rastlos in seiner Wiener Wohnung die Nacht verbringt, wandern seine Gedanken zu Sarah, einer berühmten Orientalistin und seine große Liebe, von der er Post erhalten hat. Fieberhaft kehren seine Erinnerungen an die Orte seiner  Forschungsreisen – Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra – zurück. Orte, die mit Sarah verbunden sind und der gemeinsamen Leidenschaft für orientalische Kultur.

Kompass ist der Titel des neuen Romans des französischen Schriftstellers Mathias Enard, in dem er sich der Leidenschaft der Europäer für den Orient widmet. Das Buch erhielt den Prix Goncourt im Jahr 2015.

Vor dem lesen sollte allerdings klar sein, dass es sich zwar um einen Roman handelt in dem es durchaus auch eine Handlung gibt, der größte Teil des Textes aber eher wie eine Enzyklopädie anmutet. Ausgehend von Franz Ritter, der sich bei der ersten Begegnung bereits in Sarah verliebt, breitet Enard sein Wissen über den Kulturkontakt zwischen Orient und Okzident aus, wobei vor allem das Interesse der Europäer an der fremden Kultur im Vordergrund steht. Leser, die sich für diese Thematik nicht interessieren, sollten einen großen Bogen um das Buch machen. Vor allem der Einstieg ist mühsam. Nachdem zunächst Franz und Sarah eingeführt werden, zeigt Enard anhand von verschiedenen historischen  Persönlichkeiten die Beziehung zwischen den beiden Kulturen auf. So begleiten wir Franz durch die Nacht bei seinen Erinnerungen an die westöstlichen Beziehungen und es wird deutlich, dass Sarahs Leidenschaft eine ähnliche ist wie das Anliegen des Romans: die Verknüpfung und der Austausch zwischen den beiden Kulturen. Daher ist es auch kein Wunder, dass Sarahs Forschungsschwerpunkt der Kulturkontakt ist.

Franz Erinnerungen reichen von Syrien über den Iran bis nach Indien. An all diesen Orten werden Begegnungen dargestellt, die dem Thema des Buches entsprechen. Bei den historischen Persönlichkeiten handelt es sich um Schriftsteller, Musiker, Künstler, Forscher und Abenteurer, zu denen es jeweils historische Exkurse gibt, wobei der Schwerpunkt immer auf dem Einfluss der orientalischen Kultur liegt. Als Musikwissenschaftler interessiert sich Franz etwa für die Motive aus der fremden Musik, die von Mozart in seiner „Rondo alla Turca“ verarbeitet wurden oder die Art, wie Felix Mendelssohn orientalische Gedichte von Goethe vertont hat. Das Interesse von Sarah dagegen bezieht sich eher auf Schriftsteller. Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf französische Autoren wie Chateaubriand, Hugo und Rimbaud. So entstehen viele kleine Biographien, die alle denselben Schwerpunkt teilen und Anknüpfungspunkte für die Beziehung zwischen Franz und Sarah liefern. Denn ein Paar sind die beiden nicht.

Obwohl das Buch nur knapp 400 Seiten umfasst, ist der inhaltliche Umfang und Detailgrad hoch, was das Lesen anspruchsvoll werden lässt. Enard gelingt es, sein Thema des kulturellen Austausches ohne den moralischen Zeigefinger, oder Anschuldigungen in die eine oder andere Richtung darzustellen und bedient sich dabei einer Sprache, die einen eigenen Rhythmus entwickelt und bildreich gestaltet ist. Außerdem gelingt es ihm, die historische Dimension der kulturellen Beziehungen in ihrer ganzen Tiefe darzustellen und schafft so ein Werk voller geistesgeschichtlichem Stoff, das zum Erkunden und Entdecken einlädt.

„Vom kosmopolitischen Schicksal magischer Objekte“, das wäre der Titel für einen Aufsatz von Sarah: Darin ginge es in einem hübschen Durcheinander um Wunderlampen, fliegende Teppiche, phantastische Babuschen; sie würde aufzeigen, wie diese Gegenstände aus einer Abfolge gemeinsamer Anstrengungen entstanden sind und dass das, was man für ganz und gar „orientalisch“ hält, in Wirklichkeit oft nur ein „westliches“ Element wieder aufnimmt, das selbst die Abwandlung eines früheren „orientalischen“ Elements ist, und so weiter; sie würde daraus schließen, dass Orient und Okzident nie getrennt in Erscheinung treten, dass sie immer vermischt sind, der eine im anderen gegenwärtig, und dass diese Worte – Orient, Okzident – keinen anderen heuristischen Wert mehr haben, als die unerreichbare Ferne zu bezeichnen, in der sie liegen.

Intensive und informative Lektüre über Kulturaustausch

Kompass von Mathias Enard ist ein ebenso anstrengender wie informativer Roman. Ausgehend von den Erinnerungen von Franz Ritter taucht der Autor in die Geschichte des kulturellen Austauschs zwischen Orient und Okzident ein. Aufgrund der Fülle von Persönlichkeiten und Exkursen anstrengend und dicht geschrieben, aber gleichzeitig spannend und lehrreich.

4sterne

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